Wofür andere 14 Tage brauchen, erlebten wir an einem Wochenende. Amsterdam, Newcastle, ein denkwürdiges Premier League-Spiel zwischen AFC Sunderland und dem FC Everton, verbunden durch eine erholsame Kreuzfahrt.
Man müsste so viel in seinem Leben machen. Einfach mal nach Amsterdam fahren zum Beispiel. Das Ruhrgebiet ist ja quasi ums Eck. Keine zwei Stunden kostet uns die Fahrt aus der Redaktion. Da bleibt noch gut und gerne Zeit für Shopping und ein wenig Sightseeing. Der Hafen von Ijmuiden liegt mit dem Auto nur rund eine halbe Stunde außerhalb der niederländischen Metropole. Nach einigen Eindrücken im sonnig-kalten Amsterdam machen wir uns auf den Weg. Die Fähre legt am späten Nachmittag ab.
Der Urlaub beginnt auf Deck
Wobei Fähre in etwa so passend gegriffen ist, als ob man bei den Rolling Stones von einer Musikkapelle spricht. Die King Seaways gibt nicht nur ein imposantes Bild ab, sie beherbergt eine schwimmende Kleinstadt: Verschiedene Restaurants, Bars, eine Disco, ein Casino, Kinos, Bands und Shops. Entertainment Manager Mark macht uns den Guide. Ein echter „Geordie“, wie sich die Leute aus Newcastle nennen. Und er spricht auch jenen Akzent von dem es heißt, dass ihn nicht mal ortsfremde Engländer entziffern können. Uns zuliebe klemmt er sich aber den gröbsten Slang und stellt uns alles vor. Mit einem Schritt aufs Deck beginnt anschließend der Urlaub. Musik, Sonne und ein kühles Bier bei leichter Brise. So schmeckt der Sommer! Dass kurz darauf bereits ein schlichtweg hervorragendes Stück
Fleisch im bordeigenen Steakhouse auf uns wartet, macht die Sache nicht schlechter. Gesättigt und entspannt können wir schließlich den Abend mit einem Besuch der hauseigenen „Disse“ abrunden, bevor es in die Koje geht.
Wenn ein Tag so beginnt wie der folgende, kann er eigentlich nicht schlecht werden: Die tiefstehende Sonne spiegelt sich auf den kräuselnden Wellen und scheint durch die Fenster aufs üppige Frühstücksbüffet. Full English Breakfast, aber auch natürlich alles, was das kontinentale Herz begehrt. Die Stärkung in Traumschiff-Atmosphäre sollte uns das Überleben des prall gefüllten Tages sehr viel einfacher machen.
Gleich hinter der Passkontrolle wartet ein Taxi, das uns direkt zu unserem Hotel bringt, wo uns wiederum schon an der Eingangstür Tom empfängt. Ein hinreißender „Geordie“ um die 50. Er erzählt uns vom Strukturwandel in Newcastle, von Arbeitslosigkeit und neuen Chancen. Einst war er selbst in der Industrie tätig, heute zeigt er Menschen seine Stadt. Mit einer Hingabe und einem Wissen, das es einem leicht macht, ihm zu glauben. Wenn er so erzählt von Nachtleben, Sehenswürdigkeiten und der Quayside unten am River Tyne, fragt man sich, warum tatsächlich nur 280.000 Menschen hier leben.
Doch am Ende sind wir ja zum Fußball hier. Und deshalb genau richtig. Tom berichtet uns, wie eigentlich alle Leute, die wir treffen werden, dass sich in Newcastle das gesamte Leben nur um Fußball dreht. Ob er eine Dauerkarte besitze? Nein! Nicht nur er. Auch seine Frau und seine drei Söhne. Dass wir später nach Sunderland fahren, lässt er uns nur zähneknirschend unter dem Versprechen durchgehen, für Everton zu jubeln. Die Rivalität zwischen Sunderland und Newcastle könnte größer nicht sein. Sich da herauszuhalten, ist ziemlich aussichtslos. Es gilt, Farbe zu bekennen. Um die richtige Wahl zu treffen, führt uns Tom zum St. James Park. Das drittgrößte Stadion der Premier League thront gleich hinter unserem Hotel über der Stadt.
Hausverbot für VIPs
Tom lässt seine Kontakte spielen und führt uns dank eines ehemaligen Arbeitskollegen abseits der offi ziellen Führung durch die Hinterzimmer des überwältigenden Baus. An klaren Tage, so sagt er, könne man von oben bis zur Nordsee schauen. Heute ist ein klarer Tag. Wir sind beeindruckt. Nicht ahnend, dass wir sogleich ins Allerheiligste vorstoßen. In der Kabine des NUFC hängen Trikots von Tim Krul oder Hatem Ben Arfa, der sogar seinen eigenen Safe besitzt. Regelrecht kärglich dagegen die Gästekabinen. Natürlich ist das Absicht! Man wolle es den Gästen so unbequem wie möglich machen.
In den weitaus komfortableren Logen indes werden auch uns die strengen Regeln der englischen Liga eingebläut. Wer einmal mit einem Bier in der Hand die Balkone im Stadioninneren betritt, wird verwarnt – VIP-Status hin oder her. Wiederholungstäter werden mit Stadionverbot belegt - auf Lebenszeit! „Wir haben das nicht gemacht, das sind die Regeln der Liga. Das ist überall so“, sagt unser Guide. Es sind die Kleinigkeiten, die uns bewusst machen, dass wir inzwischen 700 Kilometer Luftlinie fern der Heimat sind. Viel Zeit, sich zu akklimatisieren, blieb ja nicht. Überhaupt: die Zeit!
Gleich vom St. James Park geht es zum Bahnhof. Die Metro Richtung Sunderland wartet auf uns. Rund 20 Minuten dauert die Fahrt ins Feindesland. Nun also daheim beim Rivalen: Stadium of Light, Sunderland. Um geradeweg mit einem „Köpper“ in die englische Fußballkultur einzutauchen, lohnt sich ein Besuch des gegenüberliegenden Pubs. Hier prosten sich Männer, denen sich da rauhe Klima des englischen Nordens ins Gesicht gegerbt hat und Frauen in Jogginghose mit Ale und Cider zu, essen Pommes mit Essig und geben uns vor allem das Gefühl, den Flair des Mutterlands zu atmen.
Eigentlich gibt es viel zu viel Drumherum, als dass wir auf das Mittendrin achtgeben könnten. Paolo di Canio, ein nicht ganz unumstrittener Zeitgenosse, wird schon vor dem Anpfi ff gefeiert wie ein Held. Es ist sein erstes Heimspiel beim neuen Klub, den der Italiener als Feuerwehrmann retten soll. Doch nachdem er in seinem zweiten Spiel als Sunderland- Coach einen 3:0-Auswärtssieg in Newcastle holte, hat er sich beinahe unsterblich gemacht. Stéphane Sessègnons Siegtor zum 1:0 gegen Everton war der Start zur Canio-Mania.
Partyhochburg im Norden Auf 280 Einwohner kommt ein Pub
Zurück in Newcastle geht es zum Abschluss noch mal auf die Rolle: Weit über 1.000 Pubs soll die 280.000-Einwohner- Stadt beherbergen. Kaum zu glauben, aber sicherlich wahr: An jeder Ecke gibt es Musik, günstiges Essen und Frauen, die einen extrem freizügigen Kleidungsstil pflegen und den zahllosen Biersorten, die es hier vom Fass gibt, äußerst zugetan sind. Newcastle bei Nacht ist ein offenbar noch immer ziemlich gut gehüteter Geheimtipp. Sonst würde es wohl partywütige aus ganz Europa in den kalten Nordwesten der Insel ziehen. Nach einer kurzen Nacht geht es auf den Rückweg von einer noch viel zu kurzen Reise. Aber ein Stück weit ist ja auf der Tour auch der Weg das Ziel und die entspannte Rückfahrt wird uns in etwa mit dem Abendessen unseres Lebens versüßt. Ein Büffet nach dem Motto: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Ehrlich gesagt stand aber noch lange vorher fest: Heute ist nicht alle Tage – wir kommen wieder. Keine Frage!
