Doch plötzlich ist alles ganz anders. Marcel Kittel bewies auch bei der letzten Tour-Etappe, dass er der schnellste Sprinter seiner Zunft ist und verwies auf der Champs-Elysée den Dauersieger vergangener Jahre, der einst seine Karriere im Bochumer Sparkassen-Team begann, in die Schranken. Es war der vierte Etappen-Sieg für den 25-jährigen Thüringer bei der hundertsten Ausgabe der Tour de France.
Während der neue Sprinterstar es in Paris auf der Abschlussfeier mit seinen Teamkollegen bis zum Morgengrauen so richtig krachen ließ, überschlugen sich die französischen Medien mit Lobeshymnen über Kittel. Doch der blieb realistisch genug und zeigte sich in den größten Stunden seiner noch jungen Karriere geradezu erstaunlich cool. „Das kann sich alles wieder ändern. Als Sprinterkönig sehe ich mich nicht.“ Doch wenig später gestattete er einen Einblick in sein Innenleben. „Der Sonntag war der schönste Tag in meinem Radfahrerleben.“
Cavendish zollt seinem Besieger Respekt
Es war auch schon imponierend, wie er beim Flutlichtfinale auf dem Pracht-Boulevard seinen Dauerrivalen André Greipel und Marc Cavendish keine Chance ließ. Der euphorisierte Kittel: „Das war einfach geil – hammergeil.“ Selbst der oft arrogant erscheinende Brite Cavendish zollte seinem neuen Widersacher Respekt: „Das war kein Zufall, dass er mich besiegt hat.“
Vier Tour-Etappen-Siege innerhalb einer Runde, dazu das gelbe Trikot zum Auftakt. Nur Didi Thurau war dies 1977 (5 Siege) gelungen. Der letzte Prestige-Sieg eines Deutschen in Paris liegt bereits 21 Jahre zurück, damals gewann Olaf Ludwig die Schluss-Etappe.
Kittel dachte in der Stunde seines Triumphes aber auch an die Krise des Radsports. Der gebürtige Arnstädter steht für die neue deutsche Radsport-Generation und bezieht klar Stellung: „Wenn meine vier Siege dazu führen, dass die Zweifel in Deutschland wieder verstummen und wir nicht mehr mit unseren Vorgängern, mit denen wir nichts zu tun haben, verglichen werden, dann bin ich sehr glücklich.“ Damit setzte er sich erneut strikt für den Anti-Doping-Kampf ein.
Die Sparkasse Bochum, Veranstalter des 16. Bochumer Sparkassen-Giro darf sich freuen, denn Marcel Kittel geht in Bochum an den Start und will dort die nationale Konkurrenz wie André Greipel, Gerald Ciolek, Teamkollege John Degenkolb und Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin auf Distanz halten und seinen 16. Saisonsieg einfahren.
