Der rote Zeiger des Thermometers rückt gerade knapp über die Sechs. Es ist kalt für Mitte Oktober. Gequält gelten die Gedanken schon dem Training in den Wintermonaten mit Eis, Schnee und Temperaturen in den Minusgraden. Der kommende Winter macht auch vor dem Fußball nicht halt. Genauso wenig vor Alya Camara. Der 22-jährige Spieler des FC Blau-Weiß Friesdorf hebt kurz den Kopf und schaut dem Regen entgegen. Ein kleiner Moment, in dem seine Aufmerksamkeit nicht dem Ball gilt, der für ihn so viel bedeutet: Leidenschaft, Lebensfreude, Hoffnung. Und Ablenkung von der Frage, wie lange er noch in Deutschland bleiben darf.
Alya ist in Boko, einem kleinem Dorf im Landesinneren von Guinea in Westafrika geboren und aufgewachsen. Zehn Millionen Menschen leben in Guinea, der Großteil in Armut und die Analphabeten-Quote liegt bei fast 60 Prozent. Guinea ist ein Land, in dem viele Menschen leiden müssen. Fußball, als die beliebteste Sportart Afrikas, ist oft die einzige Hoffnung, die den jungen Männern dort noch bleibt. Seine Familie, drei Schwestern und zwei Brüder, hat der junge Afrikaner hinter sich gelassen. Eine Zukunft im eigenen Land? Für ihn unvorstellbar. Probleme seien hierfür der Grund. Probleme, über die der junge Spieler nicht sprechen möchte. Probleme, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann.
Die Katastrophe von Lampedusa Anfang Oktober machte deutlich, unter welch furchtbaren Bedingungen die Flucht von Afrika nach Europa von statten geht. Doch auch nach ihrer Ankunft blicken Flüchtlinge in keine hoffnungsvolle Zukunft. Oft sind Asylbewerber, die unter psychischen Belastungen als Folge von Flucht und Vertreibung aus der eigenen Heimat leiden, im neuen Land räumlich und sozial isoliert. Besonders die mangelnden Sprachkenntnisse sind hier hinderlich. Hinzu kommen geringe finanzielle Mittel und der seltene Kontakt zu Kultur-, Bildungs-, oder Hilfsangeboten. Über allem schwebt die große Unsicherheit im Bezug auf den Aufenthalt und die Angst, wieder in das Land geschickt zu werden, aus dem die Flucht als der einzige Ausweg erschien.
Auf dem Feld funktioniert es ohne Worte
Alya Camara ist es nach seiner Ankunft in Deutschland besser ergangen als vielen der anderen 600.000 Flüchtlinge, die die deutsche Grenze überschritten haben. Nach seiner Einreise wurde der 22-Jährige in einem Flüchtlingsheim in Much untergebracht. Dort erkannte man das sportliche Talent des jungen Einwanderers und suchte den Kontakt zu Bonner Fußballvereinen. Viele zweifelten und wollten dem Spieler keine Möglichkeit geben, sein Talent unter Beweis zu stellen. So ging es zunächst auch Sascha Glatzel, Trainer der ersten Mannschaft des FC Blau-Weiß Friesdorf, was jedoch eher logistische Gründe hatte: „Ich war zuerst skeptisch, wegen der weiten Distanz zwischen Much und Friesdorf. Für Alya war der weite Weg mit Zug, Bus und Bahn jedoch kein Problem und so luden wir ihn zum Probetraining ein.“
Für das erste Training holte der Trainer den Spieler persönlich vom Bahnhof ab. Die beiden verstanden sich, manchmal braucht man eben keine Worte. „Nach dem ersten Training wusste ich: Der kann direkt hier bleiben“, berichtet Glatzel. Alya machte sich einen Namen im Bonner Fußball, schnell zog er die Aufmerksamkeit anderer Vereine auf sich. Auch Glatzel war das außerordentliche Talent des Spielers bewusst: „Alya ist ein riesen Spieler. Nach den ersten Trainingseinheiten wusste ich, dass er einer der besten Verteidiger der Liga wird. Und das ist er dann auch geworden.“ Probleme gab es bis jetzt trotz Sprachbarrieren noch keine. Der Fußball schafft das, woran das restliche Integrationssystem zu scheitern droht. Auf dem Feld funktioniert es auch ohne viele Worte.
Warten auf die erlösenden Worte: „Du darfst bleiben“
Alya spielte in seiner Heimat bei Sporting Club Matoto, einem Verein aus der zweiten Liga in der Nähe der Hauptstadt Canakry. In Deutschland hat er seinen Platz in der Landesliga gefunden: „Fußball ist der Sport, der in Afrika gespielt wird. Er bedeutet mir einfach alles“, erklärt Alya, als er sich die Regentropfen mit einem Handtuch aus dem Gesicht wischt. Er ist froh, dass er nicht mehr nach jedem Training bis ins Flüchtlingsheim nach Much fahren muss. Sein Verein hat ihm eine eigene Wohnung beschafft und an einem Berufskolleg, in dem der junge Spieler Deutsch lernen soll, angemeldet. Bis nach Hause zu seiner Familie in Boko sind es über 4.700 Kilometer Luftlinie – Alya fühlt sich in Deutschland trotzdem wohl. Seine Mannschaft und das neue Umfeld will der junge Spieler nicht verlassen: „Momentan warte ich auf die Antwort auf meinen Asylantrag. Ich möchte sehr gerne in Deutschland bleiben“.
Innerhalb der Mannschaft wird Alya Camara menschlich und sportlich voll anerkannt, er fühlt sich wohl in seinem Team. Auch in den Augen von Trainer Sascha Glatzel ist Alya für Blau-Weiß Friesdorf unverzichtbar geworden – er ist für jedes Spiel gesetzt. Angebote von höherklassigen Mannschaften lehnt er ab. Mittelrheinliga gerne, aber nur mit seinem Team, dem FC Blau-Weiß. „Ich bleibe bei Friesdorf. Mein großer Wunsch ist es, mit dieser, und nicht mit einer anderen Mannschaft, einmal in der Oberliga zu spielen.“
Alya bleibt noch etwas Zeit, um sich auf den deutschen Winter einzustellen. In Canakry sind es im Dezember durchschnittlich 23 bis 30 Grad. Um den Temperaturunterschied zu ertragen, muss er sich noch ein dickeres Fell zu legen. Kein Problem, Alya Camara ist ein starker Mann. Der Regen macht ihm nichts aus, in Boko fällt viel Wasser vom Himmel. Doch in ein paar Wochen wird Alya, wenn er wieder für kurze Zeit seine Aufmerksamkeit vom Ball nimmt, nicht mehr nach oben in den Regen schauen. Dann werden ihm vielleicht kleine weiße Flocken um die Nase tanzen und Alya wird immer noch warten. Warten auf die eine erlösende Nachricht. Warten auf die Worte: „Du darfst bleiben“.
