Erst für seinen Königstransfer gefeiert, dann mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt: Am Donnerstagabend musste Sandro Rosell wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei der Verpflichtung des brasilianischen Superstars Neymar (21) seinen Hut als Präsident des ruhmreichen FC Barcelona nehmen.
Rosell, der zuletzt noch die Verpflichtung von Mönchengladbachs Torwart Marc-André ter Stegen (21) in trockene Tücher gebracht haben soll, erklärte auf Druck seiner Vorstandskollegen nach einer Krisensitzung Donnerstagnacht seinen Rücktritt. "In den vergangenen Tagen hat ein unfairer, rücksichtsloser Vorwurf der Veruntreuung zu einer Klage gegen mich geführt", sagte Rosell gefasst. "Von Anfang an habe ich gesagt, dass der Transfer korrekt war. Neymars Unterschrift hat aber wohl Verzweiflung und Neid bei Gegnern hervorgerufen", fügte der 49-Jährige an und erklärte dann laut und deutlich: "Meine Zeit hier ist beendet." Nach einer herzlichen Umarmung mit dem bisherige Vizepräsidenten Josep Maria Bartomeu, der bis 2016 dem dreimaligen Champions-League-Sieger vorstehen wird, verschwand Rosell anschließend durch einen Seiteneingang.
57 Millionen oder 95?
Mit seiner Demission zog Rosell, der am 1. Juli 2010 Joan Laporta als Barca-Boss abgelöst hatte, die Konsequenzen aus den Unstimmigkeiten um die Ablösesumme für Neymar, der im vergangenen Sommer vom FC Santos zu den Katalanen gewechselt war. "Rosell flieht, der Skandal bleibt", titelte die Sporttageszeitung Marca am Tag nach Rosells unrühmlichen Abschied und Spaniens größte Tageszeitung El Pais schrieb: "Der Druck der Justiz wurde für Rosell zu groß."
Der Streit um die tatsächliche Ablösesumme für Neymar ist seit dieser Woche ein Fall für die Justiz. Ein Richter des Nationalgerichts in Madrid hatte einer Anhörung über eine mögliche Anklage gegen Rosell am Mittwoch zugestimmt. "Neymar hat 57,1 Millionen Euro gekostet. Jetzt muss es damit genug sein", hatte Rosell zu Wochenbeginn noch einmal versichert. Zuletzt hatte die Zeitung El Mundo berichtet, dass Neymar möglicherweise der teuerste Fußballer aller Zeiten sei. Laut der Zeitung hat Barca anstatt der bislang angegebenen 57 Millionen Euro samt Zusatzverträgen insgesamt 95 Millionen Euro für den Transfer überwiesen.
Rosell war im Dezember von Jordi Cases, einem Gegner im eigenen Klub, wegen diverser Ungereimtheiten beim Neymar-Wechsel angezeigt worden. Der zuständige Richter ordnete diese Woche nach Einsicht der Akten umfangreiche Untersuchung im Fall Neymar an. Zudem wurde der brasilianische Wunderstürmer aufgefordert, seine persönlichen Verträge offenzulegen
Barcelona revidiert die eidesstattliche Erklärung
Rosell soll die Vereinsmitglieder, die Öffentlichkeit und vor allem auch seine Vorstandskollegen mit falschen Zahlen getäuscht haben. Noch am 13. Januar hatte der Club dem Gericht eine eidesstattliche Erklärung vorgelegt, nach der es keinerlei illegale Handlungen gegeben habe. Die Katalanen forderten das Gericht auf, deshalb die Klage abzuweisen. Zehn Tage später folgte die Rolle rückwärts. Dies deutet darauf hin, dass an den Vorwürfen möglicherweise doch einiges dran sein könnte. Offiziell hat die Agentur N&N (Neymar senior & Neymar junior), die die Transferrechte an Neymar besaß, für ihre Dienste 40 Millionen Euro erhalten. Zudem kassierte der FC Santos 17,1 Millionen Euro Ablöse.
Nach Angaben von El Mundo sind aber weitere Millionen geflossen, von denen offiziell keine Rede war. So hätte Neymar bereits 2011 für eine Art Vorvertrag zehn Millionen Euro überwiesen bekommen. Neymar Senior soll zudem neben einer Provision von 8,5 Millionen Euro jährlich einen fünfprozentigen Anteil von Neymars Gehalt (54 Millionen Euro bis 2018)einstreichen. Zudem hätte Rosell mit Neymar und dem FC Santos weitere Sonderzahlung vereinbart.
Rosell geriet nicht das erste Mal in die Negativschlagzeilen. Wegen der angeblichen Verwicklung in einen Betrugsfall muss es sich in Brasilien bis heute vor Gericht verantworten. Als Ausrichter eines Länderspiels zwischen Brasilien und Portugal soll er 2008 mit seiner damaligen Agentur öffentliche Gelder in Millionen-Höhe veruntreut haben.
