Für klangvolle Namen ist die griechische Nationalmannschaft wahrlich nicht bekannt. Wer nach den nominellen Stars im WM-Kader fahndet, findet neben dem bereits 37-jährigen Strippenzieher Dimitrios Salpingidis vornehmlich Offensivkräfte wie Konstantinos Mitroglu, Theofanis Gekas oder Giorgios Samaras. Eigentlich verwunderlich, schließlich ist die stabile Defensive traditionell Garant für Erfolge – und mit ihr BVB-Verteidiger Sokratis.
Ein paar Stunden lang regierte die quälende Ungewissheit. Auf dem Knie war Sokratis nach einem Befreiungsschlag im Testspiel gegen Portugal (0:0) gelandet und nach 41 Minuten verletzt vom Feld gegangen. Details über die Schwere der Verletzung wurden zunächst nicht verkündet, was die Befürchtungen wachsen ließ, Sokratis, der drei Tage vor Beginn der WM seinen 26 Geburtstag feiert, könnte das Turnier verpassen. Nachdem er im Krankenhaus untersucht worden war, gaben die Ärzte jedoch grünes Licht. Zwar musste Sokratis am Mittwoch beim Testspiel gegen Nigeria wegen seiner erlittenen Prellung im Knie zuschauen, doch am 14. Juni, wenn Griechenland im ersten Gruppenspiel auf Kolumbien trifft, ist er wieder dabei.
Defensive ist das Prunkstück
Trainer Fernando Santos dürfte bei dieser Nachricht regelrecht aufgeatmet haben, schließlich ist eine aufeinander abgestimmte und stabile Defensive das Prunkstück seiner Mannschaft – und Sokratis ihr Herzstück. Nur vier Gegentore kassierten die Griechen während der Qualifikation, gemeinsam mit Belgien die wenigsten aller europäischen Mannschaften. Nur dank dieses beeindruckenden Wertes reichten den Hellenen zwölf erzielte Treffer aus, um nach 1994 und 2010 zum dritten Mal an einer WM-Endrunde teilzunehmen.
Sa., 14. Juni, 18 Uhr (Belo Horizonte):
Kolumbien - Griechenland
Fr., 20. Juni, 0 Uhr (Natal):
Japan - Griechenland
Di., 24. Juni, 22 Uhr (Fortaleza):
Griechenland - Elfenbeinküste
Die Zielsetzung für die Duelle mit Japan und der Elfenbeinküste, die neben Griechenland und Kolumbien in der Gruppe C an den Start gehen, ist klar: zum ersten Mal die Vorrunde einer WM überstehen. Prognosen, wer in der sehr ausgeglichenen Gruppe am Ende weiterkommen wird, sind kaum abzugeben. Kolumbien gilt als leichter Favorit, die Elfenbeinküste wie so oft als Geheimtipp, Japan als aussichtsreicher Außenseiter und Griechenland als die große Unbekannte. „Ich glaube, dass wir die Qualität haben, in unserer Gruppe zu bestehen und für die eine oder andere Überraschung zu sorgen“, sagte Sokratis im Vorfeld der Titelkämpfe.
Er selbst will dabei die Fähigkeiten einbringen, mit denen er sich bei Borussia Dortmund schon im ersten Jahr vom ambitionierten Backup für Mats Hummels und Neven Subotic zum zeitweiligen Abwehrchef aufgeschwungen hat. Kompromisslos im Mann-gegen-Mann-Duell, stark beim Kopfball und mit dem Herz eines großen Kämpfers bearbeitet er seine Gegenspieler.
Dass er dabei keine Scheu vor großen Namen zeigt, stellte er vor vier Jahren in Südafrika unter Beweis. Damals, Sokratis war gerade einmal 22 Jahre und spielte sein erstes großes Turnier, bekam er von Trainer Otto Rehhagel die anspruchsvolle Aufgabe, Lionel Messi auszuschalten.
2004 immer in den Köpfen
Was für die meisten Verteidiger ähnlich umsetzbar ist wie die berühmte Quadratur des Kreises, löste Sokratis mit Bravour: Messi, der vielleicht beste Fußballer unserer Zeit, verlor nahezu jedes Duell.
19 Jahre, sieben Monate und 27 Tage war Sokratis alt, als er Anfang 2008 unter Otto Rehhagel in einem Testspiel gegen die Tschechische Republik für die A-Nationalmannschaft Griechenlands debütierte. Seither absolvierte der 25-Jährige für die Hellenen 47 Spiele (kein Tor) und nahm an den Europameisterschaften 2008 und 2012 sowie der Weltmeisterschaft 2010 teil.
Sokratis ist aber nicht nur ein furchtloser Zweikämpfer auf dem Feld, sondern auch ein interessierter Beobachter des Geschehens abseits des Fußballs. Obwohl er seit seiner Zeit bei AEK Athen (bis 2008) nicht mehr in Griechenland lebt, reist er immer wieder gerne in seinen Geburtsort Kalamata und verfolgt natürlich auch die Nachrichten aus seinem Heimatland. Seit Beginn der Staatsschuldenkrise befindet sich Griechenland in einer anhaltenden Depression, die das Nationalteam nun zumindest vorübergehend vertreiben soll. „Wir werden alles für die Menschen in unserem Land geben, die eine schwere Zeit durchmachen“, verspricht Sokratis deshalb.
Noch immer reden die Südeuropäer geradezu ehrfurchtsvoll über den sensationellen Triumph bei der Europameisterschaft 2004 unter Otto Rehhagel. „Das hat gezeigt, welche Kraft der sportliche Erfolg für unser Land haben kann“, findet Sokratis, der sicherlich kein Träumer ist, aber mit der festen Überzeugung Fußball spielt, dass Einsatz und Engagement belohnt werden. Vorne sollen sie ruhig im Rampenlicht stehen, aber in Griechenland sind es immer noch Sokratis und seine Kollegen aus der Defensive, auf die es ankommt.




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