Im Oktober kehrte der Mittelfeldspieler zurück, musste danach aber auch wieder kleinere Rückschläge einstecken. Zuvor hatte der 24-Jährige untätig mitansehen müssen, wie Borussia Dortmund den Saisonstart in der Bundesliga in den Sand setzte. Mit seinen Qualitäten will der Mittelfeldmann den BVB jetzt aus der Krise führen. Warum er sich dazu in der Lage sieht und was die Champions League für ihn so besonders macht, verriet der gebürtige Gelsenkirchener im exklusiven Interview mit RevierSport.
Ilkay Gündogan, wenn Sie sich nicht im falschen Moment eine komplizierte Rückenverletzung zugezogen hätten, könnten wir Sie jetzt als Weltmeister begrüßen. Trauern Sie dieser verpassten Chance noch hinterher?
Natürlich tut es sehr weh, so ein Turnier verpasst zu haben. Noch dazu eine WM, die aus deutscher Sicht das größte Ereignis der letzten Jahrzehnte war. Ich weiß ja genau, dass ich da auch meine Chance bekommen hätte, wenn ich fit gewesen wäre. Marco Reus hat das ganz ähnlich erlebt. Deswegen war dieser Sommer für uns persönlich schon enttäuschend.
Konnten Sie das mitreißende WM-Turnier trotzdem ein wenig genießen?
Fußball ist eigentlich immer schön und macht eine Menge Spaß, auch das Zuschauen. Aber ich hatte tatsächlich gemischte Gefühle. Es gab die Freude darüber, dass die Mannschaft Weltmeister wurde, aber der eigene Name steht da halt nicht drin. Das ist schon bitter. Jetzt versuche ich, meinen Blick nach vorne zu richten, in zwei Jahren gibt es wieder ein großes Turnier und in vier Jahren eine neue WM. Da kann ich hoffentlich nachholen, was ich verpasst habe.
Wie nah sind Sie denn an der Mannschaft dran? Andere Spieler haben die Lücke geschlossen, die Sie hinterlassen haben.
Ich weiß genau, wie hoch ich in der Nationalmannschaft angesehen bin. Ich werde sehr geschätzt und ich denke, dass ich vor meiner Verletzung Leistungen gezeigt habe, die dieser Mannschaft würdig sind. Deswegen mache ich mir keine Sorgen. Wenn ich wieder fit bin, bin ich wieder dabei, da bin ich fest von überzeugt, und dann werde ich dort auch wieder eine gute Rolle spielen.
In Dortmund sahen Ihre ersten Spiele schon ganz gut aus, auch wenn Ihre Rückkehr den negativen Trend des Klubs während der ersten Saisonwochen nicht bremsen konnte. Wo liegen die Gründe dafür, dass das erste Drittel der Spielzeit derart misslungen ist?
Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der darauf eine fundierte Antwort geben kann. Man kann da nur einzelne Faktoren nennen: Es gab Spieler, die bei der Weltmeisterschaft waren, die hatten nur eine sehr kurze Vorbereitung. Dann hatten wir viele Langzeitverletzte, die gerade wieder zurückkamen und nicht sofort in Form waren. Außerdem fehlte in einigen Spielen auch einfach das Glück.
Die Fans haben erstaunlich nachsichtig reagiert, es gab keine Pfiffe, keine Wut auf die Mannschaft, auch der Trainer wurde nicht in Frage gestellt...
...das ist schon sehr außergewöhnlich. In anderen Klubs, die ähnlich hohe Ansprüche haben wie wir, hätte es da ordentlich auf den Deckel gegeben. Aber die Leute haben nicht vergessen, was hier in den vergangenen Jahren entstanden ist. Jeder weiß, dass die letzten vier, fünf Jahre nicht mal eben so zu toppen sind, nach so einer Zeit fällt es leichter, eine Phase mit ausbleibenden Erfolgen zu verzeihen. Wir sind sehr, sehr dankbar, dass wir so eine Unterstützung haben.
Allerdings kursiert im Publikum die Sorge, dass die schönste Zeit erstmal vorbei ist. Mit was für Gedanken beobachten Sie die jüngere Entwicklung des BVB: Einige Säulen haben das Team bereits verlassen, jetzt denkt Marco Reus über einen Wechsel nach. Tut es weh, das große Team nun vielleicht auseinanderbrechen zu sehen?
Nein, das empfinde ich anders. Ich glaube, dass Veränderungen auch gut sein können. Manchmal braucht man neue Impulse, vor allem, wenn man erfolgreich war und wieder sein möchte. Natürlich verlieren wir immer wieder Spieler mit enormer Qualität, aber das ist der Fußball. Ich habe Verständnis für die Spieler, die etwas Neues ausprobieren wollen. Bei Mario Götze und Robert Lewandowski funktioniert es sehr gut, jetzt ist es eben Marco Reus, der heiß begehrt ist. Ich werde nie sauer sein, wenn ein Spieler sich entscheidet, anderswo hinzugehen. Bei Shinji Kagawa hat es übrigens nicht so funktioniert, er ist zurückgekommen, auch dieses Risiko geht man mit einem Klubwechsel ein.
Mit welchen Plänen blicken Sie selbst in die Zukunft? Ihr Vertrag läuft noch bis 2016.
Im Moment ist noch nicht der Zeitpunkt, um konkret darüber nachzudenken.
Nach dem Champions-League-Finale 2013, das Sie knapp gegen den FC Bayern verloren haben, dachten die Verantwortlichen beim FC Barcelona angeblich darüber nach, ob Sie ein passender Nachfolger für den großen Xavi, das Mastermind im Barca-Mittelfeld, sein könnten. Motiviert Sie die Vorstellung, vielleicht einmal bei einem der größten Klubs der Welt zu spielen?
Nein, das Interesse anderer Vereine zu wecken, ist keine Motivation. Es ist mein eigener Anspruch, wieder dort hinzukommen, wo ich einmal gewesen bin. Ich weiß, dass ich das schaffen kann und ich weiß auch, dass ich sogar noch besser werden kann. Ich bin noch nicht alt, ich habe noch genug Zeit.
Wie weit sind Sie von Ihrer großartigen Form, die Sie vor ihrer Verletzung hatten, aktuell eigentlich noch entfernt?
Körperlich bin ich so gut in Form wie schon sehr lange nicht. Ich bin zum Beispiel leichter als zu meinen allerbesten Zeiten. Ich glaube also nicht, dass ich mir über den körperlichen Aspekt Gedanken machen muss. Aber ich brauche den Wettkampf, um mein Spiel in die richtige Richtung zu entwickeln. Im Training kann man sich zwar auch Dinge erarbeiten, aber in den Spielen entwickelt man das Selbstvertrauen, das Vertrauen in den eigenen Körper und das Gefühl für den Platz und für den Ball.
Hat die Verletzung Ihre Persönlichkeit verändert, den Blick auf das Geschäft, den Beruf?
Vielleicht schon. Verändert hat sich, dass ich meine Gesundheit noch mehr schätzen gelernt habe. Ich bin jetzt sehr dankbar, dass körperlich alles okay ist, dass es mir gut geht. Inzwischen tue ich alles dafür, noch möglichst lange Fußball spielen zu können, da habe ich vorher vielleicht nicht so drauf geachtet.
Nochmal zurück zum BVB: Es gibt diese erstaunliche Diskrepanz zwischen den Ergebnissen in der Bundesliga und dem Abschneiden in der Champions League. Einige Fans haben den Verdacht, im Bundesligaalltag sei die Mannschaft nicht so motiviert wie auf der internationalen Bühne. Kann das sein?
Ganz ehrlich: Niemand von uns geht da raus mit dem Gedanken: Heute gebe ich mal bloß 85 Prozent. Es liegt definitiv nicht an der Motivation. Interessant wäre es auch mal, die Fans zu fragen, wie sich das bei denen anfühlt. Wenn man die Stimmung zwischen Champions League und Bundesliga im Stadion vergleicht, spüre ich auch einen Unterschied. Es ist nicht so einfach, das zu erklären. Wobei wir natürlich genau wissen, dass wir unsere Aufgaben in der Bundesliga erledigen müssen, um auch im nächsten Jahr wieder in der Königsklasse dabei zu sein.
Allerdings ist der BVB ein Klub, dem dieser Wettbewerb zu liegen scheint, nicht nur wegen des Titelgewinnes 1997 und des Finaleinzuges 2013.
Das kann sein. Wir haben in den letzten Jahren in der Champions League eigentlich immer eine sehr gute Rolle gespielt, sind bis ins Finale gekommen, haben letztes Jahr die Gruppenphase sehr gut überstanden, sind erst gegen Real Madrid ausgeschieden. Und dieses Jahr läuft es auch. Ich genieße diesen Wettbewerb sehr. Ich habe schon als Kind davon geträumt, irgendwann dabei zu sein.
Ihnen persönlich hat die Champions League vor einigen Wochen ermöglicht, erstmals ein Pflichtspiel in der Türkei, der Heimat Ihrer Eltern, zu absolvieren. War das ein besonderes Erlebnis?
Ja, definitiv. Schon über die Auslosung habe ich mich sehr gefreut, genauso hatte ich mir das gewünscht. Und ich wurde dort toll empfangen, habe viel Zuspruch bekommen, das war eine tolle Erfahrung. Am Schönsten hätte ich es gefunden, wenn beide Teams die Gruppenphase überstanden hätten.




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