Er weiß, wovon er spricht, wenn wieder über Doping im Fußball diskutiert wird.
Der inzwischen 61-Jährige kann mit der plötzlichen Aufregung über eine Angelegenheit von vor über drei Jahrzehnten wenig anfangen, sagt aber auch ganz klar: „Ich kann nicht ausschließen, dass im Fußball gedopt wird. Wenn es aber passiert, dann nicht flächendeckend, sondern von einzelnen.“
Er selbst allerdings stand 1998 mit einem Dopingfall in Verbindung, als er Bochums Torhüter Thomas Ernst im Spiel in Kaiserslautern in der Halbzeitpause nach einem Zusammenprall mit FCK-Stürmer Michael Schjönberg ein kreislaufstabilisierendes Mittel verabreicht hatte. Das Medikament stand nicht auf der Dopingliste, eine darin enthaltene Substanz schon. Ernst wurde freigesprochen, der VfL musste eine Geldstrafe in Höhe von 80.000 D-Mark zahlen.
Im folgenden Interview mit RevierSport erläutert Schubert, wann Doping im Fußball Sinn haben, wie sich ein Athlet unerlaubte Mittel beschaffen kann und ob die Kontrollen gut genug sind.
Dr. Joachim Schubert, warum kommt im deutschen Fußball plötzlich wieder eine Diskussion über Doping auf? Die Vorfälle in Stuttgart und Freiburg sind doch über 30 Jahre her!
Das erstaunt mich auch, ob es jetzt sinnhaft ist, sich über ein so weit zurückliegendes Ereignis zu unterhalten. In einigen Sportarten ist das Thema Doping längst ausgeräumt, in anderen wie vor allem im Radsport natürlich nicht. Gibt es also heute wirklich einen Anlass, da mal wieder genau drauf zu schauen oder ist es nur Effekthascherei, eine Sensationsgeschichte? Ich bin da skeptisch und denke, es gibt keinen Grund dieses Fass aufzumachen. Ich habe aber auch gelesen, dass der Fußball da eine Art Narrenfreiheit genießt, und das finde ich nicht.
Warum nicht?
Weil ich niemals behaupten würde, dass im Fußball nicht gedopt würde. Ich glaube allerdings, dass es sicher nichts systemisches oder flächendeckendes ist, dafür sind die Kontrollen auch viel zu gut. Wenn aber der Einzelne das will und genug Geld hat, dann würde er auch an die von ihm gewünschten Mittel kommen.
Wie macht er das?
Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, als ob ich mich da auskennen würde, aber es finden sich sicherlich Leute, die das anbieten. Es gibt einen schwarzen Markt und dann ist es eine Frage des Preises. Im Zuge der Ermittlungen gegen Lance Armstrong ist etwa bekannt geworden, dass in den USA Gendoping ein Thema ist. Da kommen ständig ganz neuartige Mittel in den Handel. Die Aussage der Dopingfahnder von der WADA oder NADA, dass die andere Seite immer einen Schritt schneller ist, würde ich unterschreiben.
Ist Doping im Fußball überhaupt sinnvoll? Bei Einzelsportarten wie Radsport, Schwimmen, Leichtathletik oder Gewichtheben sind die Motive klar, da geht es um individuell steuerbare Leistungssteigerung. Aber im Mannschaftssport Fußball sind neben der Athletik doch andere Qualitäten wie Technik, Spielverständnis, Torgefährlichkeit oder Geschicklichkeit im Zweikampf gefragt, oder?
Das stimmt, aber auch der Profifußballer ist ja individuell einer Riesenherausforderung ausgesetzt. Durch Doping mit zum Beispiel Epo kann er erwirken, dass er bis zur letzten Sekunde voll durchpowern kann und auch da noch die volle Konzentration hat, um den entscheidenden Pass zu spielen oder den siegbringenden Schuss aufs Tor zu bringen. Ich glaube allerdings nicht, dass im Fußball zum Beispiel Anabolika eine Rolle spielen, denn Fußballer wie Cristiano Ronaldo haben zwar toll ausgebildete Körper, aber es erfüllt eher einen optischen Zweck. Eine besonders breite Schulter oder ein super ausgebildetes Sixpack am Bauch bringen für den Fußballer keine Leistungssteigerung. Im Gegenteil, reine Muskelmasse kann eher hinderlich sein.
Sind im Fußball die Kontrollen gut genug? Nach Spielen müssen zwei Spieler pro Mannschaft zur Pinkelprobe und beim Training schlagen die Fahnder auch regelmäßig auf.
Ich halte das für ausreichend. Stichproben nach Spielen sind richtig, denn man kann nach einem Spiel nicht alle untersuchen, schließlich gilt ja auch eine gewisse Unschuldsvermutung. Ich finde das System sehr gut. Es muss nicht, weil eine Geschichte von 1984 wieder aufgerollt wird, neu geordnet werden. Bei der WM 2006 waren Dopingkontrollen übrigens ein sehr großes Thema, das war fast schon nervig.
Damals waren Sie der Arzt des Nationalteams Togos und des Weiteren für Algerien, Kamerun, Togo und den Sudan tätig. Ist in Afrika das Bewusstsein dafür, was erlaubt ist und was nicht, anders als in Deutschland?
Nein, zumindest nicht dort, wo ich gearbeitet habe. Die meisten Spieler kicken ja in Europa und sind dementsprechend geschult, besonders die Spieler aus der französischen Liga. Die haben mich bei allem gefragt, ob es unbedenklich ist. Das Bewusstsein über strafrechtliche Konsequenzen und mögliche gesundheitliche Gefahren ist in den letzten zehn, 15 Jahren insgesamt enorm gewachsen. Der Fall Lance Armstrong war für viele Sportler prägend, aber auch die Geschichte um Claudia Pechstein, die lange um ihre Unschuld kämpfen musste. Jeder Sportler weiß, welch harte Konsequenzen ein Dopingvergehen hat, jeder normale Fußball sollte sich dadurch nicht die Karriere verbauen. Bei den Vereinen sollte es ganz klar heißen: Wer dopt, fliegt raus!
Noch einmal zurück zu der Zeit, in der Doping im Fußball offenbar ein größeres Thema war: Ein in den 80ern und 90ern aktiver Spieler hat uns gegenüber erzählt, dass er damals von seinem Doc oder Physio vor Spielen oder nach dem Training ein paar Pillen gekriegt hat. Er wusste nicht, was das war und hat sie natürlich genommen...
Ja, ja, die berühmten bunten Pillen! Die haben ich den Spielern beim VfL auch gegeben, aber das waren Vitamintabletten. Wir hatten aber in Bochum ja auch den ersten Dopingfall der Bundesliga überhaupt, damals mit Roland Wohlfarth. Der hat ganz gerne gegessen und neigte zu etwas Übergewicht. Da war nach der Winterpause eine Dopingkontrolle bei uns und er hatte über Weihnachten wohl noch die Weihnachtsgans auf den Rippen und wollte mittels eines Appetitzüglers die Pfunde purzeln lassen.
Wurde seinerzeit sowieso mehr gedopt oder fiel das einfach nur nicht auf?
Damals hatten wir beim VfL einige Spieler, die aus dem Osten Deutschlands herübergekommen waren, wie zum Beispiel Jörg Schwanke und Heiko Bonan. Die berichteten, dass in der ehemaligen DDR Doping an der Tagesordnung war, zum Beispiel mit Captagon, dort war das ganz normal, während im Westen Doping zumindest nie aktiv von Ärzten oder Physiotherapeuten ausgeübt wurde. Die Auswüchse von Professor Klümper in den 80ern waren eine Ausnahme, da wurde Doping sogar von der Uni Freiburg unter dem Deckmantel der Forschung systematisch praktiziert und in diesem Umfeld sehr existent. Ansonsten war es aber so: Wenn gedopt wurde, ging es von einzelnen Spielern aus.
Sind nie Spieler auf Sie zugekommen und haben verlangt: Doc, mach mal was!
Nein, das kann ich mit bestem Gewissens sagen. Ich kenne auch viele andere Mannschaftsärzte und kann mir bei keinem vorstellen, dass er da etwas macht.

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