Sicher nur die wenigsten unter den 80.000 Zuschauern im ausverkauften Stadion werden vor dem Anpfiff daran denken, dass ihr Verein an diesem Tag genau vor zehn Jahren so gut wie mausetot war.
Heute ist der Verein von seiner Wirtschaftskraft und dem Fanzuspruch die Nummer zwei in Deutschland, hinter Bayern München und vor Schalke 04. Das Konto ist ausgeglichen, die Arena ist abbezahlt und der Jahresumsatz beträgt zwischen 250 und 300 Millionen Euro. Auch wenn es für den Meister von 2012 und Doublesieger von 2012 sportlich in diesem Jahr eher mäßig läuft, so stehen die Schwarzgelben doch in der Blüte ihrer Existenz.
180 Millionen Euro Schulden
Wie schnell es im Fußball vom Himmel in die Hölle oder andersherum gehen kann, weiß man in Dortmund aber so gut wie an keinem anderen Bundesliga-Standort. Rund 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten, das Stadion verkauft und akute Liquiditätsprobleme, das war der Ist-Zustand im Winter 2004/05. Die einst so stolze Borussia befand sich nach jahrelanger Misswirtschaft unter Präsident Dr. Gerd Niebaum und Manager Michael Meier im „Vorhof der Pathologie“, wie es der heutige Klubboss Hans-Joachim Watzke später anschaulich beschrieb.
Es hat nicht viel gefehlt – und der BVB würde vielleicht jetzt noch in den Niederungen des Amateurfußballs oder der zweiten Liga spielen statt in der Champions League gegen Juventus Turin (Mittwoch).
Rückblick, 14. März 2005: In einer einstigen Abfertigungshalle des Düsseldorfer Flughafens kommt es zum Showdown um die Zukunft des BVB. Die Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris müssen als letzte Gläubigergruppe dem Sanierungskonzept zustimmen. Bei einem negativem Votum wäre die Insolvenz nicht mehr abzuwenden und ein Neuanfang in der Kreisliga C notwendig gewesen.
Durch den Teilrückkauf des Stadions und eine Stundung millionenschwerer Mietzahlungen für die Jahre 2005 und 2006 wird der Verein den ersten Engpass los. Zudem sollten Anteilseigner der Freigabe eines 51,8 Millionen Euro schweren Bardepots zustimmen, mit dem 2017 der Stadionrückkauf durch den BVB finanziert werden sollte. Neun Millionen Euro aus diesem bislang gesperrten Depot sollten den laufenden Spielbetrieb sichern. Mit den restlichen 42,8 Millionen Euro mussten von den Eignern genau 42,8 Prozent der Stadionanteile zurückgekauft werden. Für die restlichen Anteile der Eigner soll der Vertrag planmäßig bis 2017 weiterlaufen.
Der Rückkauf galt als eine der wichtigsten Komponenten des Sanierungsplans, mit dem die Insolvenz abgewendet werden sollte. Im Monat zuvor hatte Borussia Dortmund in einer Ad-hoc-Mitteilung eine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ eingeräumt und für die Spielzeit 2004/05 einen drohenden Gesamtverlust von 68,8 Millionen Euro prognostiziert. Die meisten Gläubiger konnten dann bereits zu einer Stundung der Kreditrückzahlungen überredet werden – und sicherten dem Verein sogar zusätzliche sechs Millionen Euro zu.
Die beiden Großaktionäre Florian Homm (rund 25 Prozent Aktienanteil) und der türkische Unternehmer Sadettin Saran (fünf Prozent) stellten eine Erhöhung ihrer Anteile in Aussicht. Für ein positives Zeichen sorgte auch das Engagement des Internet-Unternehmens GoYellow als neuer Sponsor für die nächsten zweieinhalb Jahre, was zwei Millionen Euro bringt. Im Gespräch war zudem auch, das Westfalenstadion mit dem Namen des Trikotwerbepartners E.ON Chart zu versehen.
Als Präsident Reinhard Rauball nach sechsstündiger Versammlung leichenblass vor die Presse trat, befürchteten Beobachter das Schlimmste. Doch Rauball, mittlerweile zum dritten Mal im Amt, verkündete eine Zustimmung von 94,4 Prozent – der BVB war gerettet. „So eine Situation möchte ich nie wieder erleben. Das waren die schlimmsten Stunden meiner Laufbahn“, gab der Jurist zu. Und „Aki“ Watzke erinnerte sich: „Wenn ich im Februar 2005 hundertprozentig gewusst hätte, wie die Situation eigentlich ist, hätte ich wahrscheinlich die Flucht ergriffen.“
Selbst die Bayern halfen
Anfangs lebte der am 15. Februar 2005 zum Geschäftsführer berufene ehemalige Schatzmeister aufgrund der ungewissen Zukunft des Vereins im Hotel. Die Fans demonstrierten lautstark gegen Watzkes Vorgänger – das vermaledeite Duo Niebaum/Meier. Selbst Pfarrer standen mit BVB-Schal in ihrer Kirche und beteten für die Rettung.Herausgekommen war das existenzbedrohende finanzielle Gebaren des Klubs nur durch eine ungewöhnliche Kooperation. Zwei Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“ und des „Kicker“ deckten in später preisgekrönten Artikeln zusammen den Größenwahn der damaligen Verantwortlichen auf. Erst nach deren Entmachtung begann der Neuaufbau.
Letztlich wurde das Stadion mit Hilfe eines langfristigen Bankkredits zurückgekauft, eine Kapitalerhöhung und der Verkauf von Leistungsträgern brachten genügend frisches Geld – innerhalb von eineinhalb Jahren wurden mit der Radikalkur fast hundert Millionen Euro Verbindlichkeiten abgebaut.
Sogar Bayern München lieh dem Konkurrenten zwei Millionen Euro. Und Watzke, der in seinem eigenen Unternehmen Brandschutzkleidung herstellte, entpuppte sich als der richtige Feuerwehrmann. Das ging zunächst nur auf Kosten des sportlichen Erfolgs. Nach der Rettung vor dem Exodus dümpelte der BVB in den Niederungen der Tabelle herum. Erst durch die Verpflichtung von Trainer Jürgen Klopp aus Mainz wehte ein kräftiger Aufwund durch die Strobelallee – die Folgen sind bekannt.




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