Es ist schon sein zweiter Anlauf in England, nachdem er sich in seiner Zeit beim FC Chelsea zwischen 2012 und 2014 nicht durchsetzen konnte. Diesmal sind die Vorraussetzungen andere: De Bruyne kommt als Top-Einkauf und sollte diesmal deutlich bessere Karten für einen Stammplatz haben. Doch ist der Belgier der englischen Premier League und dem Umfeld eines Scheich-Klubs gewachsen? Es gibt auch Skeptiker.
Wochenlang hielt das Tauziehen um Kevin De Bruyne (24) die Bundesliga in Atem. Würde er am Ende doch in Wolfsburg bleiben? Oder liefen im Geheimen auf einmal doch wieder Verhandlungen mit dem FC Bayern, der eigentlich schon abgesagt hatte? Hatte Paris Saint-Germain noch etwas mitzureden? Und was würde ManCity am Ende für den Belgier bezahlen? Am 30. August, kurz vor dem Ende der Transferphase war es dann amtlich: Manchester City stellte De Bruyne als Neuzugang vor. 75 Millionen Euro sollen die Dienste des Blondschopfs den „Skyblues“ wert gewesen sein, Bonuszahlungen in Millionenhöhe werden im Erfolgsfall folgen. Das neue Gehalt De Bruynes wird auf etwa 20 Millionen Euro brutto geschätzt.
Klaus Allofs wird sich in Wolfsburg zufrieden die Hände reiben im Gefühl, wirklich die maximale Ablöse herausgehandelt zu haben. Doch war das Millionengeschäft auch für De Bruyne ein guter Deal? Aus finanzieller Sicht bestimmt, doch wie sieht es mit der sportlichen Komponente aus? Während De Bruynes Nationalmannschaftskollege und neuer Kapitän Vincent Kompany die Ankunft des Landsmannes bejubelte und ihn als „Game-Changer“ bezeichnete, gab es auch einige kritische Stimmen zu hören. Selbst Martin Winterkorn, der Vorstandschef von VW, äußerte Zweifel an der Entscheidung De Bruynes. „Noch ein Jahr bei uns hätte ihm gut getan. Das wäre für seine sportliche Karriere das Richtige gewesen.“
Auch sportlich der Richtige Schritt? – „Wird einer von vielen sein“
„Ich befürchte, dass er dort nur einer von vielen sein wird – wenn er es denn überhaupt in die Startelf schafft“, gab der ehemalige belgische Nationalspieler Marc Degryse zu bedenken, während Spiegel.de schrieb: „Beim VfL hatte De Bruyne beste Bedingungen, um seine Brillanz in der Vorsaison in Konstanz zu verwandeln. Das Spiel der Mannschaft war auf ihn zugeschnitten, bei Trainer Dieter Hecking genoss er künstlerische Freiheit, das Publikum lag ihm zu Füßen.“ Die Wölfe hätten mit De Bruyne gerne auch den Meistertitel in der Bundesliga angepeilt. Die Chancen der Niedersachsen sind in dieser Saison gar nicht mal so schlecht, wie Experte Patzelt von Fussball-wetten.com berichtet: „Die Buchmacher trauen den Wolfsburgern in dieser Saison viel zu. Neben Bayern und Dortmund zählen sie zu den Favoriten“. Dass De Bruyne aus dem gewohnten Umfeld und aus der Bundesliga weggeht, ist also nicht für alle verständlich. Der VfL selbst wird es verschmerzen können, denn für rund die Hälfte des Transfererlöses aus dem De-Bruyne-Deal wurde mit Schalkes Julian Draxler bereits ein hochkarätiger Ersatz verpflichtet.

Noch mehr als Draxler und der VfL werden De Bruyne und ManCity im Rampenlicht stehen, wenn der Belgier nach der Länderspielpause zu seinem neuen Team stößt. Warum ist es den Engländern so viel Geld wert, den besten Spieler der vergangenen Bundesliga-Saison in ihren Reihen zu haben? Einen akuten Grund, nachzurüsten, kann man beim englischen Vize-Meister beim besten Willen nicht erkennen. Nach vier Siegen an den ersten vier Premier League Spieltagen stehen die „Skyblues“ mit 12 Punkten an der Tabellenspitze – der bestplatzierte Konkurrent um den Titel hat mit Stadtrivale Manchester United schon jetzt fünf Zähler Rückstand im Gepäck, Titelverteidiger Chelsea ist schon ganze acht Punkte hinterher. Gerade in der Abteilung Attacke ist De Bruyne dabei bei weitem nicht der einzige Hochkaräter. Die offensive Dreierreihe hinter Torjäger Kun Agüero ist mit Top-Stars wie Samir Nasri oder Jesus Navas besetzt, dazu kommen der zuletzt überragende David Silva und der mit 62 Millionen Euro Ablöse ebenfalls nicht gerade günstige Neuzugang Raheem Sterling.
Wo soll De Bruyne spielen? Pellegrinis Luxusprobleme
Wo soll da noch Platz für einen Kevin De Bruyne sein? Bei so starker Konkurrenz könnte selbst ihm ein Platz auf der Bank drohen. In Wolfsburg war er auf der Zehner-Position im offensiven Mittelfeld gesetzt. So leicht wird es bei ManCity nicht werden – David Silva wird von der Position in der Zentrale nur schwer zu verdrängen sein, wo er zuletzt glänzte. Der Andalusier gab in der abgelaufenen Saison 11 Torvorlagen und traf zwölfmal selbst, war damit nach Eden Hazard der zweit-torgefährlichste Mittelfeldspieler der Premier League. Auch in der neuen Saison ist er schon in bestechender Frühform und war bereits an fünf Toren direkt beteiligt. In der Vergangenheit hatte Silva bei ManCity zwar schon oft auf die Flügel ausweichen müssen und bewiesen, dass er da genauso torgefährlich ist. Ebenso De Bruyne, der in der vergangenen Bundesliga-Saison immerhin achtmal auf den offensiven Außenpositionen aufgeboten wurde, unter anderem im Spiel gegen Werder Bremen, als er drei Tore vorbereitete.

Es sollte also denkbar sein, sowohl Silva, den bisherigen Schlüsselspieler im Offensivspiel der „Skyblues“ als auch Kevin De Bruyne in einer Aufstellung unterzubringen. Denkbar wäre sicherlich auch eine Variante, in der die beiden potenziellen Spielmacher die Positionen mehrmals im Spiel tauschen. Leicht wird die Entscheidung für Trainer Manuel Pellegrini auf jeden Fall nicht werden. Der sagte nur: „Wir wollen attraktiven Offensivfußball spielen. Ein Spieler wie De Bruyne kann uns bei unserem Kampf an vier Fronten nur helfen.“ Auch die Variante, De Bruyne oder Silva auf Außen zu bringen würde den Argentinier vor die Aufgabe stellen, entweder Raheem Sterling oder Jesus Navas auf die Bank zu setzen. Dafür fehlen ihm eigentlich die Argumente – nach dem überzeugenden Saisonstart hat er eigentlich keinerlei Grund, seine Startelf zu verändern. Neben den beiden Flügelflitzern lauert auch noch der Franzose Samir Nasri auf seine Chance. Alle Konkurrenten haben einen ganz entscheidenden Vorteil vor „KDB“: Sie kennen die Premier League. Das kann man vom Belgier nicht wirklich behaupten, obwohl Manchester bereits seine zweite Station auf der Insel ist.
De Bruyne: Bei Chelsea gescheitert – Mourinho tritt nach
Anfang 2012 war De Bruyne nämlich schon einmal auf die Insel gewechselt. Von seinem Ausbildungsverein KRC Genk ging er im zarten Alter von 20 Jahren für 8 Millionen Euro zum FC Chelsea London, der ihn allerdings direkt noch einmal für ein halbes Jahr an die Belgier zurückverlieh. Kaum zurück in England, wurde er gleich noch einmal ausgeliehen, diesmal für ein ganzes Jahr und nach Deutschland – an den SV Werder Bremen. Dort konnte De Bruyne überzeugen, war beim ansonsten nur mittelmäßigen Nordklub der herausragende Akteur und sorgte mit zehn Toren sowie neun Assists dafür, dass man die Bundesligasaison auf Rang 14 und nicht etwa auf einem Abstiegsplatz beendete. Obwohl Werder ihn gerne gehalten hätte und auch der eine oder andere europäische Top-Klub in London anrief, um sich die Dienste des Spielmachers zu sichern, holte Chelsea ihn zurück an die Stamford Bridge – man traute ihm mittlerweile zu, sich einen Stammplatz zu erkämpfen. Unter José Mourinho kam De Bruyne in der folgenden Hinrunde aber gerade einmal auf magere drei Einsätze – in der Winterpause eiste ihn dann der VfL Wolfsburg in Person von Klaus Allofs von den Blues los. 18 Millionen Euro ließ sich der VfL die Dienste des Belgiers im Januar 2014 kosten. Für mehr als das Vierfache kehrt er nun, eineinhalb Jahre später, zurück ins Mutterland des Fußballs.

Würde man José Mourinho fragen, ob de Bruyne nun auch in England den Durchbruch schafft oder gar ob es ein Fehler war, ihn gehen zu lassen, würde er wohl nicht sonderlich viel Positives von sich geben. Der portugiesische Star-Trainer zählt immer noch zu den schärfsten Kritikern De Bruynes: Beim FC Chelsea hätte De Bruyne nie das Niveau erreicht wie in Wolfsburg, sagte Mourinho dem „Mirror“. „Er war nicht bereit, den Wettkampf anzunehmen. Er war wie ein beleidigtes Kind, das schlecht trainiert hat.“ Zudem stellte der Chelsea-Coach infrage, ob De Bruyne mental überhaupt dazu in der Lage sei, in einer Mannschaft zu spielen, die um den Titel kämpft. Der Vater De Bruynes widersprach Mourinho gegenüber den „Manchester Evening News“: So sei sein Sohnemann mittlerweile ein gestandener Spieler und nicht zu vergleichen mit dem „rohen“ 20-Jährigen, der er war, als er erstmals zu Chelsea wechselte. Herwig De Bruyne sprach gegenüber der Zeitung auch das erst in der Rückrunde anstehende Duell mit den Londonern an. Sein Sprössling würde gegen Chelsea zwar „nicht mehr zu beweisen haben als gegen Swansea – er will niemanden provozieren.“ Doch sollte er gegen die Blues treffen, würde er sicher eine Art von Genugtuung verspüren, meint De Bruyne senior: „Tief in sich drin wird er sagen: So, jetzt habe ich euch!“
David Silva und „KDB“ – das neue „gefährlichste Mittelfeld der Liga“?
Dass De Bruyne sich diesmal in der Premier League durchsetzt, scheint trotz des überaus luxuriös besetzten Kaders der „Citizens“ wahrscheinlich. In der letzten Saison war er mit 101 Spielminuten pro Torbeteiligung deutlich gefährlicher als die gefährlichsten Mittelfeldspieler der Premier League, Angel Di Maria (126 Minuten) und Cesc Fabregas (137 Minuten). Weil „KDB“s zukünftiger Mitspieler David Silva (140 Minuten) auf Rang drei dieser Statistik folgt, feierten die „Manchester Evening News“ das Duo bereits als „gefährlichstes Mittelfeld der Premier League“ – noch bevor sie jemals zusammen gespielt haben. Die beiden ähnlichen Spielertypen in einem System unterzubringen, ist die Aufgabe von Trainer Pellegrini. Dass dies durchaus möglich und fruchtbar sein kann, zeigten in jüngster Vergangenheit zum Beispiel die Duos Xavi Hernandez/Andrés Iniesta beim FC Barcelona oder Mesut Özil/Santi Cazorla beim FC Arsenal. Silva und De Bruyne zeichnen sich beide durch ein enormes Tempo am Ball sowie ein perfektes Timing beim tödlichen Pass aus: De Bruyne gab 2014/15 mit 124 gar die meisten Torschussvorlagen aller Bundesliga-Spieler. Sowohl der Spanier als auch der Belgier sind zudem quasi beidfüßig und deshalb noch schwerer auszurechnen. Während der ballsichere Andalusier sicherlich noch öfter das Dribbling sucht, hat De Bruyne womöglich gar den direkteren Zug zum Tor und kann seine Stärken daher im Konterspiel besonders gut einsetzen.
„KDB“ hat verfügt auch über einen guten Schuss aus der Distanz – Silva allerdings traf in der vergangenen Spielzeit dennoch öfter selbst (12 Tore/32 Einsätze) als der Belgier (10/34). De Bruyne kann zudem eine weitere, heutzutage nicht zu unterschätzende Qualität vorweisen: Er ist so gut wie nie verletzt. In der Bundesligasaison 14/15 machte er alle Partien von Beginn an, wurde nur viermal kurz vor dem Ende ausgewechselt und verpasste so gerade einmal 9 Spielminuten. Damit kam er auf 3051 Minuten Einsatzzeit, das sind mehr als Fabregas (2886) oder Silva (2659) auf ihrem Arbeitspapier stehen haben – bei 38 statt 34 Einsatzmöglichkeiten in der englischen Liga. Seit seinem Wechsel zu Chelsea 2012 fehlte De Bruyne seinen Klubs insgesamt gerade einmal 12 Tage aufgrund kleinerer Verletzungen, wie transfermarkt.de ausgerechnet hat. Das Geld, das ManCity in De Bruyne gesteckt hat, kann sich am Ende also durchaus als sinnvolle Investition entpuppen.



















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