Bei allen Dreien greift die Altersgrenze, nach der die Schiedsrichter auf der nationalen Bühne nur bis zum 47. Lebensjahr pfeifen dürfen.
FUNKE Sport sprach mit Kircher über seine Karriere und das letzte halbe Jahr als aktiver Referee.
Knut Kircher, Sie werden am 2. Februar 47 Jahre alt. Am Ende der Saison ist aufgrund der Altersgrenze für Sie Schluss in der Bundesliga. Wie sehen Sie diese Altersgrenze?
Für mich war sofort klar, dass es für mich in der heutigen Situation keine Option gewesen wäre, noch einmal ein paar Jahre dranzuhängen. Auch dann nicht, wenn die Altersgrenze abgeschafft worden wäre. Ich sage für mich: Es war eine schöne Zeit, aber im Sommer ist Schluss. Und das zum richtigen Zeitpunkt, denn die Spieler könnten teils meine Söhne sein, der Umgang ist anders geworden. Jetzt werden Plätze frei und junge Schiedsrichter bringen frisches Blut rein und drücken dem Sport ihren Stempel auf.
Wie haben Sie den Wandel bei den Profis in den letzten Jahren miterlebt?
Ich bin mit anderen Spielertypen groß geworden. Die heutige Generation hat andere Ansprüche. Ich frage mich, ob es immer noch diese Typen gibt. Da denke ich zum Beispiel an einen Mario Basler, an Stefan Effenberg oder an Lothar Matthäus. An denen hat man sich gerieben, sich gemessen. Zudem ist das Spiel anders geworden. Es ist schneller, dynamischer, der mediale Hype ist ein ganz anderer. Das ist eine Wesensänderung im Komplettpaket Bundesliga.
Hat Ihnen in Ihrer Karriere etwas gefehlt?
Ich bin ein positiv eingestellter Mensch. Im Nachhinein hat mir nichts gefehlt. Es gibt keine offenen Punkte, die ich noch schnell abhaken müsste. Ich hatte das Glück, viel im Ausland unterwegs gewesen zu sein. Ich habe entlegene Spielorte gesehen, die nichts mit den Metropolen London, Madrid oder Barcelona zu tun hatten. Ich war in Südkorea, Libyen, Saudi Arabien, in ganz entfernten Ecken mit der Europa League. Das war eine tolle Zeit, meinen menschlichen Horizont hat das unheimlich erweitert.
Sie kommen gerade aus dem Vorbereitungslager auf Mallorca, dort wurden die Fehler der Hinrunde aufgearbeitet. Was können Sie dazu sagen?
Wir wissen genau, auf was wir zu achten haben, was wir falsch gemacht haben. Aber wir haben uns auch auf unsere Stärken konzentriert. Letztendlich weiß jeder, auf was es ankommt in den letzten 17 Spielen. Wir sind fokussiert und hoffen, dass uns die Fehler der Hinrunde in der Form nicht mehr passieren.
In den letzten Jahren hat es viele Modernisierungen gegeben. Den vierten Offiziellen, den Torrichter, die Torlinientechnik, in Kürze soll ein Videoschiedsrichter getestet werden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ich war vor vielen Jahren mehr der Traditionalist und habe vom Videobeweis nichts gehalten. Heute sehe ich das ein wenig anders, man sollte das mal testen. Aber die Erwartungshaltung, mit so einem Videoschiedsrichter in jedem Spiel absolut sicher zu sein, wird nicht erfüllt werden. Doch die großen Fehler, die uns in der Hinrunde passiert sind, die könnten damit vermieden werden.
Zuletzt wurde Kölns Manager Jörg Schmadtke für seine „Eierkopp-Beleidigung“ zu 6000 Euro Strafe verdonnert. Können Sie das Urteil nachvollziehen?
Das hatte nichts mit einem respektvollen Umgang zu tun. Das weiß auch Jörg Schmadtke. Da ist ihm vielleicht in der Formatierung seiner Worte der kleine Geißbock durchgegangen. Das ist aber jetzt auch in Ordnung, er nimmt die Strafe an, danach muss wieder mit gegenseitigem Respekt weitergemacht werden.
Würden Sie dem Nachwuchs eigentlich empfehlen, Schiedsrichter zu werden?
Ein klares Ja! Über die Schiedsrichterei habe ich gelernt, Entscheidungen zu treffen, das ganze Drumherum war sehr prägend, ich habe den Umgang mit sehr vielen Menschen gelernt – auch in Stress- und Konfliktsituationen. Die positiven Dinge überwiegen deutlich die punktuell negativen Aspekte. Ich würde einem jungen Menschen raten, das zu versuchen. Denn das ist eine Schule, die kann man nirgendwo anders lernen.
Wie gehen Sie im Nachgang mit den Partien um? Lesen Sie viele Zeitungen? Schauen Sie sich alles im TV noch mal an? Oder schalten Sie einfach ab?
Das ist unterschiedlich. Wenn so etwas passiert ist wie beim Spiel Bayern gegen Augsburg, dann halte ich meine Nase schon einmal ein paar Tage aus den Medien. Denn man weiß, da ist gerade eine Art Shitstorm unterwegs. Da konzentriere ich mich auf meine anderen Welten, den Beruf, die Familie. So komme ich gestärkter aus so einer Situation heraus. In anderen Fällen verfolge ich durchaus interessiert, wie knifflige Situationen analysiert werden.
Ist es richtig, dass Sie zu Beginn Ihrer Karriere den Mauerabstand im Garten geübt haben?
(Lacht) Das stimmt. Das Schiedsrichter-ABC lernt man in der theoretischen Prüfung, dann wirst du auf die Menschheit losgelassen. Erfahrene Kollegen haben mir dann gesagt, das sieht doof aus, wie ich den Abstand abschreite. Ich solle das mal zuhause üben. Das habe ich dann gemacht. Auch rückwärts weg vom Ball, um zu sehen, ob der Ball von der ausführenden Mannschaft verlegt wurde. Nach einer Zeit hat man das raus, wie viele Schritte es vorwärts, rückwärts oder seitwärts sind.
Was waren die unvergesslichsten Momente Ihrer Karriere?
Ein emotionales Highlight war sicher das DFB-Pokalfinale 2008 zwischen Dortmund und Bayern. Die Atmosphäre in Berlin war unvergesslich. Zudem passiert es uns Schiedsrichtern ja nicht so oft, dass die eigene Nationalhymne gespielt wird. Im Ausland spielen sie ja immer zwei andere Lieder. Die Zeit in Südkorea war auch eine tolle Lebenserfahrung.
Das beste oder schlechteste Spiel der Karriere. Was fällt Ihnen dazu ein?
Zwei Spiele schlagen negativ aus. Das war die Begegnung Wolfsburg gegen Hertha im Jahr 2009, wo ich zwei Entscheidungen getroffen habe, bei denen ich völlig neben mir stand. Und dann das Bayern-Spiel in dieser Saison gegen Augsburg (falscher Elfmeterpfiff in der Schlussminute für die Bayern, Anm. d. Red.). Auf der anderen Seite gab es viele schöne und beste Spiele. Immer dann, wenn man annähernd an eine Quote von 100 Prozent gekommen ist. Dann gab es nachher eine Endorphin-Ausschüttung, und ich habe gemerkt, die Sache ist richtig rund gelaufen.
Ein Kapitel während Ihrer Karriere war der Schiedsrichter-Skandal um Robert Hoyzer. Was hat sich im Anschluss im Schiedsrichter-Wesen verändert?
Die Schiedsrichter-Mannschaft ist seit diesem Tag noch enger zusammengerückt. Wir haben zusammen die Meinung vertreten, dass wir nicht für diese Werte stehen, die da buchstäblich verkauft wurden. Da ging ein Ruck durch uns. Denn immer wenn die Allgemeinheit auf uns losging, haben wir gesagt, wir müssen jetzt Flagge zeigen.
2011 gab es den Selbstmordversuch von Babak Rafati. Wie haben Sie diese Tragödie erlebt? Und hatten Sie im Anschluss Kontakt zu ihm?
Zuletzt äußerte er Mobbingvorwürfe.
Wir hatten im Anschluss nur spärlich Kontakt. Ich habe seine Aussagen medial verfolgt. Bei dem ganzen Unglück gibt es das große Glück, dass er heute noch am Leben ist. Unsere Führung hat sich mit der Geschichte auseinandergesetzt und heute gibt es das Angebot, dass wir Sportpsychologen anonym aufsuchen können, um uns Probleme von der Seele reden zu können. An diesem Beispiel haben wir gesehen, dass auch Schiedsrichter Menschen sind, die verletzlich sind. Das sind keine stählernen Roboter, die alles aushalten. Hier schließt sich der Kreis, wo ich sage: Lasst uns doch respektvoll miteinander umgehen und trotz aller Emotionen wieder auf ein Normalmaß kommen. Denn es geht um Fußball, es geht um sehr viel Geld, aber es geht auch um Menschen.
Wie geht es denn jetzt nach dieser Saison mit Ihnen weiter? Bleiben Sie dem Schiedsrichterwesen eventuell erhalten?
Ich habe schon signalisiert, dass ich meine Erfahrungen gerne weitergeben will. In welcher Form, das wird sich bald zeigen, da finden wir sicher einen guten Weg. Darüber hinaus bin ich auch in anderen Bereichen viel unterwegs, die Familie wird etwas mehr Zeit bekommen, mir wird die Decke sicher nicht auf den Kopf fallen.



















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