Denn obwohl der türkische Fußballverband bereits im Jahr 1923 gegründet wurde, nahmen erstmals Mitte der 90er Jahre Frauenmannschaften an offiziellen Länderauswahlspielen teil. Qualifizieren konnten sich die Damen vom Bosporus für keines der folgenden großen Turniere. Ohne eigene Liga nahm der Frauenfußball, traditionellen Wurzeln verhaftet, auch in der Türkei eher den Status eines geduldeten, denn eines vom Volk geliebten Kindes ein.
Hohe Niederlagen, oft an der Grenze zur Zweistelligkeit, waren die Folge. Bis heute steht das 1:12 gegen die deutsche Auswahl am 14.2.1999 in einem Freundschaftsspiel in Istanbul als negativer Höhepunkt in den Annalen. Danach wurde die "Bayan Milli Takim" sogar für einige Zeit wieder ad acta gelegt. Sechs Jahre bestritt die Damen-Nationalelf kein offizielles Länderspiel. Doch jetzt soll alles besser werden. Eine im Jahr 2006 gegründete Damenliga soll den dringend nötigen Unterbau liefern. Die will einen ähnlichen Weg gehen wie die Auswahl der Herren, die mittlerweile dem erweiterten Kreis der besten Teams Europas angehört. Und die Türken setzen bei dem langen Marsch von Platz 72 der FIFA-Rangliste in die Spitze, wie schon bei den Männern, auf Hilfe aus Deutschland.
"Frauenfußball erlebt zurzeit eine Wiederauferstehung. Dennoch besteht unsere Mannschaft noch überwiegend aus Spielerinnern, die lediglich auf Amateurniveau gespielt haben", sagt der technische Direktor für den türkischen Frauenfußball, Fethi Demircan. "Die Wenigsten haben eine fußballerische Ausbildung genossen. Außerdem nehmen viele Familien Frauenfußball nicht ernst."
Die dritte Generation
Mit der Einführung des U17- und U19-Teams sollen potenzielle Nationalspielerinnen schon möglichst frühzeitig an das internationale Niveau herangeführt werden. Da kommen die Mädchen aus der dritten Generation der ehemaligen Gastarbeiter gerade recht. Schließlich wird in Deutschland der weltbeste Frauenfußball geboten.
Eine von derzeit sieben in Deutschland geborenen Nachwuchsfußballerinnen, die im Trikot mit dem Halbmond auflaufen, ist die Hertenerin Fatma Kara. Die im Juni gerade einmal 16 Jahre alt gewordene Schülerin spielt beim 1. FFC Recklinghausen bereits in der ersten Damenmannschaft (Verbandsliga) und ist seit Mai frischgebackene Nationalspielerin der Türkei. "In der U15 habe ich im Fußballverband Westfalen auch einige Sichtungsspiele für das deutsche Team gemacht. Da kam ich aber nicht so zum Zuge. Außerdem hätte ich meinen türkischen Pass abgeben müssen. Das wollte ich nicht", ist die Gesamtschülerin stolz, für das Heimatland ihrer Eltern und Großeltern auflaufen zu dürfen.
Ein Scouting-System existiert noch nicht, begutachtet wurde sie durch eine Mannschaftskollegin. "Im Mai war ich zum ersten Mal für zehn Tage zu einem Lehrgang in Istanbul. Anschließend habe ich in Aserbaidschan meine ersten beiden Spiele absolviert", muss die Schülerin für die Reisen in das Land zwischen Orient und Okzident jedes Mal auf Freistellung durch ihre Lehrkräfte hoffen. Zurzeit ist sie wieder einmal in Istanbul, bereitet sich auf das Freundschaftsspiel am morgigen Freitag gegen Bulgarien vor.
"Wenn ich mehrere Tage am Stück unterwegs bin, ist es schwierig, keine Klausur zu verpassen. Es ist dann schon ein bisschen stressig, weil ich vieles nacharbeiten muss", hat sich die in Recklinghausen als Spielgestalterin, im Nationaltrikot aber auf der Sechser-Position agierende junge Frau neben dem Abitur zum Ziel gesetzt, den Frauenfußball in der Türkei populär zu machen. "Im Oktober haben wir in Antalya erstmals Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft. Noch spiele ich U 17, aber ich habe die Ehre beim Umbruch des Frauenfußballs in der Türkei dabei zu sein. Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung", ist sich Kara sicher.
Erste kleine Erfolge
Sicher ist sie sich auch der Unterstützung ihrer Familie. "Mein Papa und mein Bruder haben meine Fußballleidenschaft von Anfang an unterstützt. Da gab es keine religiösen Bedenken. Und meine Mama hat sich mittlerweile auch daran gewöhnt", grinst die Westfälin, die von einem schlagartig gestiegenen Medieninteresse in der Türkei berichtet.
Erste kleine Erfolge für die neue Damenmannschaft ließen nicht lange auf sich warten. In der Vorqualifikation zur Europameisterschaft 2009 besiegten die Türkinnen unter anderem Nordirland und mussten sich letztendlich in der Abschlusstabelle den Briten nur wegen des schlechteren Torverhältnisses geschlagen geben. "Wir haben gegen Mannschaften gewonnen, die uns in der Vergangenheit mit sechs oder sieben Toren geschlagen haben. Ich denke, wenn sie die Möglichkeiten bekommen, werden unsere jungen Frauen europäisches Niveau erreichen", ist Fetih Demircan von der neuen Qualität begeistert. Fernziel ist die Frauenweltmeisterschaft 2011. Dann will die Türkei dank Frauen wie Fatma Kara erstmals bei einem internationalen Endrundenturnier so richtig mitmischen.
