Hätte Torsten Frings die Ärmel seines dunkelblauen Pullovers mit dem Lilien-Emblem hochgekrempelt, wären seine Tattoos an den Armen zum Vorschein gekommen. Die einst von einem Kumpel aus Aachen eingebrachten Verzierungen auf der Haut sind Überbleibsel aus seinen aktiven Zeiten, die genau wie die wallende Mähne so schnell nicht weichen. Dennoch möchte sich der Spieler vom Trainer Frings abgrenzen: Bei seiner Vorstellung als neuer Chefcoach beim SV Darmstadt 98 hatte der 40-Jährige die meisten Lacher auf seiner Seite, als er fast schon flehentlich darum bat, seinen Spitznamen „Lutscher“ endlich beiseite zu lassen. „Ich mag ihn überhaupt nicht. Es wäre lieb, wenn wir ihn nicht weiter benutzen würden“, bat er, bis er vermutlich ein letztes Mal die Geschichte erzählte, wie in seiner Anfangszeit beim SV Werder der Frechdachs Frings den Star Andreas Herzog als „Lutscher“ titulierte, woraufhin der Österreicher einfach den Spieß umdrehte. Das hat ihn lange genug verfolgt. Und wenn nicht der erste Job als Bundesliga-Trainer einen Reifeprozess markiert, was sonst?
Der noch immer ungezähmt wirkende Mann hat einerseits bei seiner Vorstellung zwar reichlich viele Plattitüden abgelassen („Von Spiel zu Spiel denken“, „müssen schauen, was am Ende rauskommt“ oder „das Herz auf den Platz schmeißen“), aber andererseits vermittelte der 402-fache Bundesligaspieler auch, warum er nach drei Monaten ohne Tätigkeit und einigen losen Anfragen so schnell Feuer und Flamme für das Projekt beim Tabellenletzten war: „Ehrlich, so eine Chance bekommt nicht jeder“, versicherte Frings. Er wolle als junger Trainer nun „nahe an der Mannschaft dran sein“, um genau jene Tugenden wiederzubeleben, die ihn zu einem prägenden Vorzeigeprofi werden ließen: „Herz, Einsatz, Leidenschaft und Wille“. Botschaft: „Wir haben den Glauben und den Mut, das anzupacken: Wir werden eine ganze andere Mannschaft als in der Hinrunde sein.“ Kratzbürstiger, kämpferischer. Allen Zweiflern, die möglicherweise mutmaßen, ab Trainingsstart am 3. Januar werde nur noch grätschen geübt, entgegnete der zweifache Familienvater schmunzelnd: „Wir werden auch mal mit dem Ball trainieren.“
Vertrag ist ligaunabhängig
Ihn ehre übrigens, dass er „nicht nur als Feuerwehrmann“ helfen soll. Laut Präsident Rüdiger Fritsch seien die Südhessen trotz des Acht-Punkte-Rückstands auf Rang 15 „kein Rettungsfall“, sondern „auf dem Peak unserer Vereinsgeschichte.“ Denn: „Die kleine Lilie ist erst seit zweieinhalb Jahren im Profifußball und muss nun weiter wachsen.“ Das soll mit Frings ligaunabhängig bis 2018 geschehen, wobei der Präsident sich wünscht, dass das Trainerteam wieder die Kaderplanung verantwortet. Die Mehrarbeit steht mit in der Stellenbeschreibung eines strukturschwachen Erstligisten, der nach dem Missverständnis mit dem Trainer Norbert Meier und dem Sportlichen Leiter Holger Fach in Zukunft nur wieder Fußballlehrer anstellen will, „die das hier nicht als Job, sondern als Chance verstehen“ (Fritsch).
Hungrige Figuren wie Frings, der sich als Assistent von Viktor Skripnik – erst bei der U23, später bei den Profis – bewusst nur im Hintergrund gehalten hatte. Die Arbeitsteilung zwischen den zwei Herren mit grün-weißer Verwurzelung ging in Bremen so: Der extrovertierte Frings sprach zur Mannschaft, der introvertierte Skripnik zur Öffentlichkeit. Nun kommt der Neueinsteiger gar nicht umhin, beide Rollen zu übernehmen. Denn als draußen am drittletzten Tag des Jahres die Sonne schien, setzte drinnen im beengten Pressekabuff ein Blitzlichtgewitter ein, als sich der 79-fache Nationalspieler hinter eine Mauerecke zwängte. „Natürlich guckt man sich um“, sagte er eingedenk der einfachen Bedingungen am Böllenfalltor, „aber ich finde das total geil: Hier kommt man hin, um zu arbeiten.“
Hochmoderne Trainingszentren mögen wie schnittige Kurzhaarfrisuren schwer in Mode sein – der aus Tradition andere Kultverein und der aus Überzeugung unbeugsamer Kämpe brauchen so etwas nicht. Logische Schlussfolgerung des neuen Helfers in vorderster Reihe: „Das passt überragend.“ Allerdings ist es eine ungewöhnliche Liaison ungewissen Ausgangs: die abgeschlagenen Lilien und der noch nie als Cheftrainer erprobte „Lutscher“. Auch wenn letzteres ja nicht mehr gesagt werden soll.



















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