Die Zuschauer, oft bis an den Spielfeldrand gedrängt, kamen in ihrer Sonntagskleidung mit ernsten Mienen und Hut und Schlips auf den Sportplatz. Und dann diese Gesichter! Sie wirken alle irgendwie alt, selbst Fußballer in den besten Jahren sehen aus wie Männer Ende Vierzig in kurzen Hosen. Es ist, als ob ihnen der Krieg, den sie als Jugendliche oder junge Soldaten miterlebt haben, noch nicht aus dem Gesicht gefallen wäre. Es sind Fotos aus dem Nachlass des Gelsenkirchener Sportfotografen Kurt Müller. Ein Archiv von bisher ungehobenen Schätzen aus der Fußball-Welt der Oberliga West, die 1947 gegründet worden war. Für viele schon so lange her, dass es fast nicht mehr wahr ist.

Boss. Helmut Rahn, August 1956.
Rund um den Sportplatz ging es damals „einfacher“ zu. „Früher war alles auf einer so harmlosen Ebene“, erinnert sich Fritz Herkenrath, Rot- Weiss Essens Meistertorwart von 1955: „Man fuhr mittags an der Hafenstraße los und war anderthalb Stunden später bei Preußen Münster im Stadion. Die Ränge waren zwar gut besucht, aber es gab keine Hektik, weder auf den Tribünen noch für uns Spieler. Sicher, man gab Autogramme für die Kinder, aber keinem von uns wurde sofort ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Schließlich hat man sich umgezogen, eine Aufwärmphase draußen gab es selten oder gar nicht. Ohnegroßartige Vorbereitungen und nur mit ein paar Freiübungen und ein paar Hopsersprüngen zum Aufwärmen in den verhältnismäßig kleinen Umkleideräumen ging es raus, und es wurde gespielt.“

Schmerzen. Hennes Kleina, Stürmer von Rot-Weiss Essen, April 1950.
Der Platz der Fotografen war damals direkt an der Außenlinie, neben oder hinter dem Tor. Die großen Teleobjektive kamen erst Ende der 1950er Jahre auf, vorher musste man für den perfekten Schnappschuss ganz nah dran. Schwierig wurde das Fotogeschäft im Winter, denn die Kleinbildfilme mit geringer Lichtempfindlichkeit gaben in der dunklen Jahreszeit nicht viel her. „Die Spiele fingen in der lichtarmen Zeit sonntags um 14.15 Uhr an, und es gab noch kein Flutlicht“, erzählt Günther Jendrny, damals als Sportfotograf für die Herner Zeitung unterwegs.
„Bereits dreißig Minuten später war es zu dunkel für gestochen scharfe Bilder. Die Kollegen haben geflucht, wenn ein Spiel lahm anfing und es zu keiner guten Szene kam. Wenn gar nichts mehr ging, konzentrierte ich mich auf die Eckbälle: Mit der 125stel Sekunde und Blende 2 genau abpassen, wenn die Spielertraube auf dem Höhepunkt des Sprungs in der Luft ‚stand’, dann auslösen!“, erinnert sich Jendrny an die kleinen Tricks.

FUSSBALLTAGE IM WESTEN. Die Oberliga West 1947-1963.
Übrig geblieben sind diese Bilder. Sie sind der aktuellen Spielberichterstattung enthoben, denn die Ergebnisse sind in Statistiken festgehalten und archiviert. Aber die schwarz-weiß Aufnahmen faszinieren trotzdem, denn sie bewahren eine vergangene Fußball-Zeit in sich, deren Volksverbundenheit und Schlichtheit noch immer die romantischen Fußball- Herzen rührt. „Fotos“, seufzt Günter Jendrny, dessen eigenes Fotoarchiv der Oberliga West in den 1960er Jahren einem Redaktionsumzug zum Opfer fiel, „fast wie Gemälde!“
