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Gedächtnissport: Konrad denkt in Bildern
Gottschalk im Nacken

Fast hätte Boris Nikolai Konrad während des Telefonats mit RevierSport auf einer Zugfahrt nach Bochum vergessen, an der richtigen Haltestelle auszusteigen. Das ist auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Auf den zweiten Blick verwundert es aber schon, denn Konrad gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Gedächtnissportlern.

Seit 2004 nimmt er regelmäßig mit großem Erfolg an Gedächtnismeisterschaften teil, gewann bereits zahlreiche Titel und hält einige Weltrekorde. Zudem ist der erst 23-Jährige dreifacher Mannschaftsweltmeister und bekam 2005 den Titel des Gedächtnisgroßmeisters verliehen. Nicht nur den Bizeps und den Trizeps kann man trainieren, sondern auch die Gehirnmuskulatur und die Interaktion zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte.

Bereits zweimal konnte der Fan des VfL Bochum seine Gehirnkunststücke bei Thomas Gottschalks „Wetten, dass…?" vor einem Millionenpublikum vorführen. 2004 merkte sich Konrad in der Unterhaltungsshow die Bestellungen von 50 Gästen. Dabei standen jedem Gast drei Getränke und drei Speisen zur Wahl, von denen er sich jeweils eine aussuchte. Konrad konnte sich alle Bestellungen merken, obwohl die Gäste über neun verschiedene Kombinationsmöglichkeiten zwischen verfügten.

Der Hattinger erklärt, wie er sich solch komplizierte Dinge im Kopf speichert: „Entscheidend ist, dass man in Bildern denkt. Ich denke mir skurrile Geschichten aus und versuche sie mir bildlich vorzustellen. Der Grund ist, dass es einen Gehirnbereich für Sprache und einen für Bilder gibt. Man muss versuchen möglichst viele Verknüpfungen zwischen diesen beiden Bereichen herzustellen. Für jede Bestellung hatte ich ein bestimmtes Bild im Kopf abgespeichert."

Zwar reichte es nicht zum Wettkönig, doch das Treffen mit Gottschalk und den anderen Kandidaten wird Konrad so schnell nicht vergessen: „Ich war total begeistert. Er erkennt sogar noch eher als jemand anderes vom Team, wenn ein Kandidat Probleme hat. Für alle Teilnehmer hat er sich im Vorgespräch sehr viel Zeit genommen." Obwohl Konrad die Wette äußerlich gelassen anging, kribbelte es während der Live-Übertragung enorm: „Ich war schon sehr nervös. Schließlich schauen bei so einer Sendung Millionen Leute zu. Später war ich auch in anderen Sendungen zu Gast, zum Teil auch im Ausland. Da war es nicht so extrem."

Angefangen hat alles mit dem Abitur, als er begann sich für Lerntechniken zu interessieren. Konrad erinnert sich: „Im Fernsehen habe ich Gedächtnissportler gesehen, die dort aufgetreten sind und ich wollte die Methode unbedingt kennen lernen." Dabei stellt Konrad klar, dass er in der Schule immer ganz gut, aber „kein Überflieger" gewesen sei. Theoretisch könne sich jeder die Techniken aneignen: „Das kann man wirklich alles lernen. Eine direkte Verbindung zur Intelligenz ist nicht gegeben. Jeder kann sein Gedächtnis deutlich verbessern. Das ist nicht anders als bei anderen Sportarten auch."

Auch im Studium kommt Konrad sein austrainiertes Gedächtnis zu Gute. An der Technischen Universität Dortmund studiert er derzeit parallel die Diplomstudiengänge Physik und Angewandte Informatik, mit den Nebenfächern Mathematik und Betriebswirtschaftslehre. Da Konrad nicht nur Rekorde aufstellen, sondern den Gedächtnissport in Deutschland populär machen möchte, ist er im Gedächtnisförderverein MemoryXL als Präsident aktiv. MemoryXL (Memoryxl.de) ist der größte Gedächtnissportverein der Welt.

In Workshops und Seminaren vermittelt Konrad dort die Methoden und Möglichkeiten des Trainings an sein Publikum. Helfen tun ihm seine Fähigkeiten auch beim Ausüben der Sportart Sportstacking, in der es darum geht möglichst schnell aus Plastikbechern Pyramiden auf- und wieder abzubauen. Zuletzt wurde Konrad Weltmeister in seiner Altersklasse.

Konrad, der in seiner Freizeit zudem hobbymäßig Amateurfußballspiele bis zur Landesliga pfeift, erklärt warum man beim Auf- und Abbau von Bechern ein gutes Gedächtnis benötigt: "Man muss sich die ganze Zeit konzentrieren. Da man mit beiden Händen gleichzeitig arbeitet und das auch überkreuz, entstehen im Gehirn Verknüpfungen zwischen beiden Hälften." Durch Sportstacking könnten theoretisch sogar Fußballer ihre Beidfüßigkeit verbessern. Nationaltorwart Jens Lehmann hat sich diese in Deutschland noch recht unbekannte Sportart mittlerweile zu Nutzen gemacht und trainiert damit die Beidhändigkeit.

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