In Brasilien oder Argentinien hat der Blindenfußball bereits eine lange Tradition, in Deutschland konnte er dagegen erst 2006 langsam Fuß fassen. Umso erstaunlicher ist es, dass bereits jetzt, knapp zwei Jahre nach dem ersten Workshop in Berlin, der erste Deutsche Meister ermittelt wurde.
Acht Teams, darunter Mannschaften aus Stuttgart, Mainz, Hamburg und Chemnitz, fanden sich zu diesem Zweck am vergangenen Wochenende auf der Platzanlage des Dortmunder Landesligisten TuS Eving-Lindenhorst ein, um das Finale der Blindenfußball-Bundesliga auszuspielen. Dass sich am Ende die SSG Blista Marburg durchsetzte, blieb für die meisten Teilnehmer jedoch nur eine Randnotiz. Zu groß war die Freude über das Erreichte, als dass sich irgendjemand als Verlierer fühlen wollte.
„Für unseren Sport war das Wochenende ein toller Erfolg“, freut sich Blindenfußball-Bundestrainer Ulrich Pfisterer, der die Chance nutzte, um nach potentiellen Kickern für die Europameisterschaft im kommenden Jahr Ausschau zu halten.
Denn trotz der Bundesliga steckt der Blindenfußball hierzulande noch in den Kinderschuhen, die Zahl der Aktiven ist überschaubar. „Knapp 80 bis 100 Spieler gibt es in Deutschland“, schätzt der 57-Jährige, der darauf hofft, dass sich durch den Popularitätsschub, den die Meisterschaft mit sich brachte, in den kommenden Monaten viele weitere Interessierte melden und mitmachen wollen.
Das Prinzip des Sports ist dabei denkbar einfach: Das Runde muss nämlich auch beim Blindenfußball ins Eckige. Nur gibt es ein gravierendes Problem, denn die Spieler sehen natürlich nicht, wo der Ball, wo das Tor und wo der Gegenspieler ist. Gelöst wird es auf verschiedene Art und Weisen. Da gibt es zum einen spezielle Rasseln, die im Ball festgemacht sind und so die Orientierung erleichtern. Zum anderen „leihen“ Tor-Guides, die hinter dem gegnerischen Kasten postiert sind, den Kickern vorübergehend ihre Augen, in dem sie Hilfestellungen geben. Und dann wäre da eben noch das eingangs bereits erwähnte „Voy“ (spanisch für: „Ich komme“), das jederzeit über den Platz schallt, und mit dem die einzelnen Spieler ihre Positionen verraten.
Vom Publikum, beim „normalen“ Fußball geradezu dazu verpflichtet, ihr Team lautstark zu unterstützen, wird deshalb vor allem eins verlangt: absolute Ruhe. Erst wenn der Ball im Tor oder im Aus ist, darf geklatscht werden, um den Spielbetrieb nicht zu behindern.
Da „blind“ nicht gleich „blind“ ist, laufen die Spieler zudem mit speziellen Augenmasken auf, die Chancengleichheit gewährleisten sollen. Denn schon das Wahrnehmen von kleinsten Kontrasten oder Bewegungen kann ein entscheidender Vorteil auf dem Weg zum Torerfolg sein. Pfisterer relativiert allerdings: „Die motorischen und kinetischen Fähigkeiten sind dafür bei Spielern, die nicht vollständig blind sind, nicht so ausgeprägt, so dass sich wieder Nachteile ergeben.“
Wie groß die sein können, bewies ein Benefizkick vor einigen Wochen, bei dem sehende Bundesliga-Profis wie der Dortmunder Delron Buckley gegen die Blinden-Nationalmannschaft antraten. Die Profis, natürlich ausgestattet mit blickdichten Masken, zogen den Kürzeren und mussten sich ihren blinden Kontrahenten geschlagen geben. Ein echter Triumph für Pfisterer und seine Kicker, der der jungen Sportart noch mehr Publicity einbrachte.
Die gestiegene Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit machte sich auch am Wochenende bemerkbar. Dr. Reinhard Rauball, seines Zeichen Präsident von Borussia Dortmund und der DFL, besuchte das Bundesliga-Finale und überreichte die Siegerpokale. „Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich mir zunächst gar nicht vorstellen, wie Blindenfußball funktionieren soll“, musste dieser gestehen, bevor er sich schließlich als neu gewonnener Fan outete: „Mittlerweile finde ich es einfach toll, wie das Ganze aufgezogen ist, und wie manche Dinge, die man nicht für machbar gehalten hat, umgesetzt werden.“
So wie Rauball dürfte es vielen gehen, die erstmals mit dem Sport in Berührung kommen. Denn die Leidenschaft, mit der die blinden Kicker auf den Platz gehen, ist ansteckend. Und so ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der Sport in Deutschland aus seinem Nischendasein befreit und die große Bühne betritt. Ein erster Schritt dazu ist jedenfalls getan.
