
Keiner wollte Cristiano Ronaldo sein. Türkische Kinder vor einem beflaggten Hochhaus in Herne.
„Es hat uns weh getan, im WM-Sommer 2006 nicht dabei gewesen zu sein“, sagt Mithat K. und heizt im verschwitzten Unterhemd die Grillkohle so richtig an, während die Kinder bereits das abendliche EM-Spiel vorwegnehmen. Aber es ist anders als sonst: Cristiano Ronaldo möchte heute niemand sein, eher Nihat oder Hamit Altintop. „Wir gewinnen mit 5:3“, prognostiziert einer der Kleinen, aber wie man als Erwachsener ja weiß, gehört es zu den unweigerlichen Erfahrungen der Jugend, enttäuscht zu werden.
Das Abendspiel verfolge ich in einem türkischen Café, nur 100 Meter entfernt von meiner Wohnung, aber doch (fast) eine andere Welt. „Bizim Konak“ (Unsere Hütte) heißt der Schuppen und bietet Spielautomaten, Internet, türkisches Rommé und alle Arten von Kartenspielen. Neben dem großen LCD-Fernseher an der Wand hängen die türkische und die deutsche Fahne. „Heute schreien wir für die Türkei, morgen für Deutschland“, sagt Sevim E., der das Café organisiert. Seine Biographie gleicht der vieler türkischer Familien im Ruhrgebiet: Die Eltern kamen als Gastarbeiter Anfang der 1970er Jahre. „Sie wollten durch die Arbeit in Deutschland so viel Geld verdienen, bis sie sich in der Türkei ein Haus und einen LKW leisten konnten“, erzählt er und lacht dabei.

Vater und Sohn, Herne-Horsthausen.
Seine Eltern leben bis heute hier, später zogen er und seine vier Geschwister nach. „Wir leben hier und gehen auch nicht mehr zurück“, stellt er ganz selbstverständlich fest.
Die Atmosphäre im Café erhitzt sich während des Spiels. Es ist eine reine Männerwelt. Ob es auch Frauen im Café gebe, frage ich einen anderen Gast, den ich vom Fußball aus der Kreisliga kenne. Voller Unverständnis schaut er mich an. Am Nachbartisch bitte ich um Feuer, und obwohl ein Feuerzeug auf dem Tisch liegt, ernte ich ein brüskes: „Nein!“ Es wäre eine Illusion, zu glauben, die jahrelange Diskriminierungspolitik in diesem Land wäre spurlos an den Menschen vorübergegangen. So ist es nicht, selbst an einem Fußballabend nicht.
Und das Spiel selbst? Gelungene türkische Aktionen werden mit Szenenapplaus begleitet, portugiesische Spielzüge mit abfälligen Gesten kommentiert, geflucht wird in deutsch-türkisch. Bereits zur Halbzeit ist allen klar, dass bereits ein Unentschieden ein glückliches Ergebnis wäre. Die Befürchtungen bestätigen sich durch die portugiesische Führung, die viele „haben kommen sehen“. Das Aufbäumen der „Ay-Yildizlilar“ (Halbmonde) wird euphorisch unterstützt und selbst bei einem Schuss, der meterweit über das portugiesische Tor streicht, zieht sich eine Welle der Emotionen durch die Reihen. Am Ende kommt das 2:0 für Portugal und die Depression. Hart geht man mit der eigenen Mannschaft ins Gericht. „Sie haben irgendwie gehemmt und mutlos gespielt. Das hat mich enttäuscht, weniger die Niederlage“, so Hakan F.

Gespanntes Hoffen im Café "Bizim Konak" während des Spiels Türkei-Portugal, Herne-Zentrum.
Am Ende des Abends muss ich meine drei Biere nicht bezahlen. „Du bist eingeladen“, sagt Sevim E. entschlossen. Ob er denn Sorgen hätte, frage ich ihn und meine damit das Auftreten der Türken bei der EM, was er allerdings völlig falsch versteht. „Ja“, antwortet er. Irgendwie müssten sie ja ab 1. Juli „den Mist von Rauchverbot“ umsetzen und eine ältere Dame aus der Nachbarschaft würde ständig wegen des Kneipenlärms die Polizei rufen. „Wenn wir heute gewonnen hätten und hätten gejubelt, wäre bestimmt jetzt schon wieder die Polizei da!“ Na ja, das sei zwar blöd, aber durchaus kein Einzelfall, versuche ich mit dem Hintergrund langjähriger eigener gastronomischer Erfahrungen zu beschwichtigen. „Ja, ja, vielleicht“, erwidert er und legt eine Pause ein. Nach einem kurzen Moment fügt er hinzu: „Aber sagt man zu euch dann auch: ‚Geht doch gefälligst dahin zurück, wo ihr herkommt?’“
