Ich, Du, Er, Sie, Es warten. Auf das Finale. Fahrige, unkonzentrierte Bewegungen und Gedanken. Papierberge werden von einer Schreibtischseite auf die andere geschoben. Vielleicht einkaufen gehen. Beim Bäcker und im Supermarkt wird über das Finale geredet, die Wursttheke ist mit kleinen Deutschland-Fahnen drapiert. „250 Gehacktes halb und halb, bitte sehr. Und wer meinen Sie, wird morgen gewinnen?“ Ich bezweifle, dass sich die Fleischereifachverkäuferin, die sich in ihrem Äußeren stark den Auslagen in ihrer Theke angenähert hat, wirklich für ein Fachgespräch interessiert und zucke mit den Schultern. Die Floskel „Möge der Bessere gewinnen“ will mir nicht über die Lippen kommen, denn das wäre vermutlich Spanien.

Tschutti-Sammler gammeln vor dem Laden herum, der als einziger in Deutschland den Bildchen-Stoff führt...
Ein wenig Ablenkung verspricht die Tauschbörse für Tschutti-EM-Bilder im „Geist von Malente“, dem kleinen aber feinen Fußball-Laden am Bochumer Schauspielhaus. Zum ersten Mal hat mich seit fast 30 Jahren die Sammelbildlidebilität wieder gepackt. Ich war „clean“, Panini-resistent, aber das charmante Schweizer Album mit den künstlerischen gestalteten und illustrierten Portraits treibt mich am Samstagmorgen bei miesem Wetter auf den Bürgersteig vor den Laden, wo ich mit einem 12-Jährigen um das Bild von „Nikopolidis“ feilsche. Als ich meine Kaffeetasse auf den wackeligen Tisch abstelle, raunt mich eine Frau an, die flugs ihr Album und ihren Stapel Doppelte in Sicherheit bringt. Die Kaffeetasse könnte ja umkippen. „Alles schon erlebt“, fügt sie in einem geradezu Unheil beschwörenden Ton hinzu. Ansonsten ist es nett und friedlich. Es werden sogar Bildli verschenkt. Wenn man so möchte sind die Tschutti-Liebhaber die Waldorf-Schüler unter den Fußballbilder-Sammlern.
Gegen Abend entpuppen wir uns allesamt als Zeittotschläger erster Güte. Wir schwärmen beim Bier darüber, was wir nach der EM endlich wieder machen können, aber heute hat keiner etwas Sinnvolles auf die Kette gekriegt. Das Warten auf das Finale hat etwas von einem ersten Rendezvous: Abendessen, Kino und das vertrauliche Flüstern unter vier Augen sind vorbei. „Komm zur Sache, Schätzchen“, wir wollen Fummeln und warten auf den Höhepunkt.

Tschutti-Sammelbildli
Um 23 Uhr gebe ich mir das Aktuelle Sportstudio in meiner Stammkneipe. Da, wo sonst zig Leute die Spiele verfolgen, sitze ich allein in einem ansonsten leeren Raum und starre auf die Leinwand. Die Kellnerin fragt frech, ob ich schon den Platz für morgen eingenommen habe. Ich lasse mich weder durch diese billigen Sticheleien noch durch Ballacks Schmerzen in der Wade aus der Ruhe bringen. Sollen doch alle froh sein, dass der 19-fache Vize eventuell nur auf der Bank Platz nimmt. Katrin Müller-Hohenstein moderiert im Deutschland-Dirndl, und ich frage mich, ob ich doch bei „Nachgetreten“ gelandet bin und Mike Krüger wieder eine so "witzige" Parodie abliefert.
Am Sonntagmorgen Kaffee und weiter warten. Die Elf von Louis Aragones hat viel: Das höhere Tempo, den besseren Torhüter und die besseren Ballartisten. Die Deutschen haben nur eins: Sie sind die Deutschen. Aber das allein reicht, um manchen Gegner zur Verzweifelung zu treiben. Beim Buchmacher sind die Spanier Favoriten. Ich schiebe meine letzten 5 Euro auf die Iberer. Bisher hat noch jede Mannschaft verkackt, auf die ich Geld gesetzt habe. Ich hebe die Quittung auf, um sie später beim DFB einzureichen. Schließlich ist es ein Akt von bewundernswertem Patriotismus.

Gib mich den Pott!
Gegen Mittag hole ich das 3:2-Sieger T-Shirt aus dem Viertel- und Halbfinale wieder aus der Wäschetrommel. Es müffelt zwar schon etwas, aber auf so einen Glücksbringer kann man beim Finale unmöglich verzichten. Zum Glück laufen im TV schon die ersten Vorberichte. Es ist wie X-mas, und ich warte auf den Weihnachtsmann.
Zur Überbrückung klebe ich meine gestern getauschten Tschutti-Bilder ins Heft. Deutschland ist komplett, bei Spanien fehlt Villa. So könnte es auch heute Abend losgehen.
