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Ein Nachruf auf Hans Dieter Baroth †
Die letzte Fahrt unter Tage

Am Anfang stand ein Streit. Zu einer Neuauflage eines seiner Bücher machte ich einige Vorschläge, Hans Dieter Baroth lehnte sie ab. Zwanzig Mails und zehn Telefongespräche später war aus dem Zoff Sympathie geworden.

Die Kabbeleien bestanden fortan nur noch darin, dem anderen jeweils sonntags brühwarm das miese Ergebnis des jeweiligen Lieblingsclubs zu präsentieren. Und dazu gab es bei den Oberligisten Westfalia Herne und der SpVgg. Erkenschwick durchaus so manche Gelegenheit.

Zwei Erkenschwicker Idole: Hans Dieter Baroth und Jule Ludorf.

Geschichten vom Pütt und vom Fußball prägten den Autor Hans Dieter Baroth. Seinen Romanen wie „Aber es waren schöne Zeiten“ und „Streuselkuchen in Ickern“ fügte er Ende der 1980er Jahre einen zentralen Ort seiner Kindheit hinzu: den Fußballplatz. Auch nicht verwunderlich für einen Schriftsteller, der aus dem fußballverrückten Bergarbeiterort Erkenschwick stammt und einen Großteil seiner Jugend im legendären Stimberg-Stadion verbrachte.

Dabei war Hans Dieter Baroths damalige Grundidee für das Buch „Jungens, euch gehört der Himmel. Die Geschichte der Oberliga West“ so einfach wie genial: Er fuhr mit Bus und Straßenbahn die alten Spielorte der Oberliga West ab, schaute hin, sprach mit den Leuten und recherchierte die Geschichte einst großer Vereine wie Sportfreunde Katernberg und STV Horst-Emscher. Es entstand so etwas wie „Die Odyssee“ der alten Oberliga West, aus deren Motive und Zitatenschatz sich später andere Autoren - oft ohne Quellennachweis - bedienen sollten. Dass die Oberliga West überhaupt den steten Beinnamen „legendär“ erhielt, lag auch an den "Jungens" und der darin entworfenen Mythologie. Regionale Fußball-Geschichte auch als lebendige Sozialgeschichte und identitätsstiftende Kraft zu begreifen, autobiographische Elemente und Interviews einzubauen, das war 1988 etwas neues und wegweisendes. Insofern wandelte sich der „Püttrologe“ Hans Dieter Baroth zum „Mythologen“ und erhielt 1992 den Literaturpreis Ruhrgebiet.

„Wir wohnten genau hinter dem Stimberg-Stadion: Knappenstraße 18. Im Winter konnte man das Spielfeld von unserem oberen Fenster aus sehen, aber wegen der Zuschauerwälle nur bis zum Elfmeterpunkt. Die Ungewißheit, ob ein Ball nun rein geht oder nicht, habe ich nie ausgehalten. Deswegen habe ich trotzdem immer die Eintrittskarte für das Stadion gekauft.”

Als wir uns zum 25. Jubiläum des Klartext-Verlages im Juni zum letzten Mal trafen, sah er krank aus, ohne dass man jedoch etwas Schwerwiegendes vermutete. „Mein scheiß Rücken tut mir weh“, sagte er abwinkend und vermied jedes weitere Wort über „sein Leiden“. Stattdessen riss er lieber einen Witz über die anwesende subventionierte Trauergesellschaft des Bergbaus. Etwas später wurde er operiert, aber selbst da dachte man, dass dem alten Recken schon nichts passieren würde. Zu agil und lebendig wirkte er immer. Beim Telefongespräch mit seiner Frau Astrid Brand wurden die Informationen besorgniserregend. Die OP am Rücken sei schlecht verlaufen, eine permanente Lähmung drohe, aber mehr wollte sie dazu nicht sagen. Die Dinge entwickelten sich schlimm, sehr schlimm.

Einmal beim Essen erzählte mir Hans Dieter Baroth einen Traum, der ihn jahrelang gequält hatte. Er träumte davon, schulisch und beruflich durchgefallen zu sein, so dass er zurück zum Pütt müsse. Ewald-Fortsetzung in Erkenschwick. Im Traum ging er durch das Werkstor und derselbe Werkschutzmann wie früher begrüßte ihn. Er ging in die Lohnhalle, Markennummer 4393. In der Kaue zog er sich um und zog dann die Wäsche hoch. Er war bereit, wieder einzufahren. An dieser Stelle sei er meistens aufgewacht, nassgeschwitzt. Erst durch seinen ersten Roman über seine Kindheit im Revier habe er sich von dem Angsttraum befreit. Auch deswegen reagierte er empfindlich, wenn man ihn mit Ruhrgebietsnostalgie in Verbindung brachte: „Ich schreibe nicht das Lob auf die Gemütlichkeit des Mangels. Gemäß dem Motto: ‚Was waren wir alle arm damals, aber wie schön waren die Zeiten.’ So war es nicht“, argumentierte er bestimmt: „Das war ganz bitter, und ich war auch nicht gerne Bergarbeiter. Ich kannte damals kaum jemanden, der diesen Beruf mit großer Lust ausübte. Die Kinder sollten stets etwas Besseres werden, also nicht in den Pütt vor Kohle. Aber ich komme aus diesem Milieu und kann darüber schreiben. So leihe ich meine Schreibe irgendwelchen anderen Leuten. Das ist Erinnern daran, aber auf keinem Fall Verklärung.“

Hans Dieter Baroth (1937-2008)

Am Mittwoch, den 16. Juli 2008, verstarb Hans Dieter Baroth im Alter von 71 Jahren. Jetzt fuhr er tatsächlich wieder ein, zeigte seine Markennummer und zog in der Kaue zum letzten Mal seine Wäsche hoch. Das Ruhrgebiet hat ihn gemacht, so wie er später den Kohlenpott literarisch wieder erschaffen hat. Wir werden uns Dank seiner Romane und Erzählungen erinnern.

Auch an ihn.

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