Das Rennen hätte eigentlich abgebrochen werden musste, da bis zu 5 Zentimeter große Hagelkörner aufs Bochumer Stadtgebiet niedergingen und die meisten Profis dazu zwangen, in Hauseingängen, unter Zelten oder wo auch immer Unterschlupf zu suchen. Nur Sieberg und der Tscheche Tesar, die schon frühzeitig ausgerissen waren, ließen sich nicht beirren und kämpften sich durch die Unbilden des Wetters. Am Ende eines langen Tages schlug Tesar dann Sieberg im Sprint. Bei der 11. Auflage des Sparkassen Giro am kommenden Sonntag, 3. August, will Sieberg ganz oben auf dem Podest stehen.
Die Form stimmt bei dem hochgewachsenen Sportler, der sich im Ruhrgebiet ganz zu Hause fühlt. Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Tour de France war er für sein „Team Columbia” nicht dabei. Was Sieberg aber nicht sonderlich überraschte. Auch wenn er eingestehen muss, dass es „natürlich für jeden Radprofi das höchste Ziel ist, bei der Tour zu starten“.
Der gebürtige Castrop-Rauxeler, der danach lange Jahre in Dortmund wohnte und seit Anfang des Jahres nach Hürth übergesiedelt ist, zeigte durchaus Verständnis für seine Nicht-Nominierung. „Ich bin in diesem Jahr erst spät ins Rollen gekommen”, erklärt der 26-Jährige. Im Frühjahr hatten den 1,98 Meter großen und 80 Kilogramm schweren Modell-Athleten Verletzungsprobleme und gesundheitliche Rückschläge immer wieder zurückgeworfen. Zuletzt stürzte Sieberg bei der Tour de Suisse am ersten Tag, hielt bis zum fünften Tag mit Rückenproblemen durch, musste dann aber aussteigen. Jetzt ist der Klassiker-Spezialist wieder in Top-Form.
Auch ein anderer befindet sich in exzellenter Verfassung. Giro-Veranstalter Mark Claußmeyer hat sofort reagiert und zum Telefon gegriffen, als Marcus Burghardt in St. Etienne seinen größten Karriereerfolg feierte und die 18. Etappe der Tour de France gewann. Ein kurzes Gespräch mit Rolf Aldag, Sportdirektor beim Team Columbia, und die Sache war perfekt: Burghardt, der 25 Jahre alte Sachse, wird in Bochum am Start stehen. „Wenn er eine ähnliche Leistung in Bochum bringt, gehört Marcus zu den absoluten Topfavoriten im Rennen“, glaubt der Organisator.
Mit Burghardt hat der Giro-Veranstalter einen echten Glücksgriff getan. Der 1,90 m große Profi kommt nicht nur gut über kurze, aber knackigen Steigungen wie in Bochum, er kann auch vorzüglich sprinten, wie das Ergebnis in Frankreich beweist. Immerhin gewann der Sachse im Vorjahr den Frühjahres-Klassiker Gent-Wevelgem und stellte dabei seine Qualitäten als Allrounder unter Beweis.
Dass Burghardt überhaupt bei der Tour und somit auch in Bochum antritt, hätte im Frühjahr niemand gedacht. Der Chemnitzer, der mittlerweile in der Schweiz wohnt und trainiert, hatte sich im Dezember beim Training auf Mallorca eine Knieentzündung zugezogen. Dann fiel er das gesamte Frühjahr aus und schaffte noch soeben die Qualifikation für die Tour. Burghardt: „Viele hatten mich schon abgeschrieben, aber dank der Unterstützung meines Trainers und meiner Familie habe ich es noch geschafft.“
