Zugegeben, es war nur ein toller Tag, aber der war dafür so schön, dass haben wir lange nicht gesehen.
Vergangenen Sonntag vor der MSV-Arena. "Wir kriegen heut ein auf den Sack", sagt einer meiner "Kumpels" vor dem Match gegen 1860 zu mir und ich antworte: "Ne, glaub ich nicht. Das wird ein schönes Unentschieden." Von wegen. Wahrscheinlich haben unsere Kicker einen Spion in unserer kleinen Expertenrunde gehabt und sich gedacht: Den zeigen wir jetzt einmal, wie viel Ahnung die vom Fußball haben. Was folgt waren 90 Minuten "Sahnefußball".
Zugegeben recht spät im Alter von 14 Jahren stand Moritz das erste Mal auf den Treppen des Duisburger Wedaustadions. Die damalige Südgerade gefiel dem Jungen, der 1989 mit seiner Mutter und seinen zwei Geschwistern aus Stuttgart in den "Pott" gekommen war, nicht so recht. Zu kalt, zu nass und viel zu wenig los. Also wechselte Moritz das Terrain. In der legendären Duisburger Nordkurve war es zwar nicht trockener als auf dem alten Platz und selbstverständlich pfiff auch hier der Wind recht frisch, dafür war die Stimmung deutlich besser. Der MSV ist zwar längst zu dem geworden, was sich so harmlos klingend "Fahrstuhl-Mannschaft" nennt, doch Moritz ist den "Zebras" dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - treu geblieben und legt nun wöchentlich in seiner Fan-Kolumne Zeugnis über sein blau-weißes Gefühlsleben ab
Ok, nicht ganz 90 Minuten, aber wichtig ist die Erkenntnis, dass das was unten auf dem Rasen abging, wirklich mal wieder Fußball war.
Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob ein Match zwischen zwei Fußballmannschaften nicht zwangsläufig immer Fußball ist. Die Frage mutet auf den ersten Blick natürlich hoch philosophisch an und so ist das Thema eigentlich nicht dazu geeignet, es in ein paar Sätzen zu beschließen. Ich versuche es trotzdem einmal. Vielleicht kann man sich ja zumindest an dieser Stelle auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen: Es gibt Fußballspiele und es gibt Fußballkampf. Darüber hinaus gibt es noch eine dritte "Art" des Fußballs, nämlich Fußballkrampf.
Sie ist mit Abstand die unangenehmster der drei vorgestellten Varianten und doch ist gerade dieses Modell des Fußballs dem MSV-Anhänger nicht ganz unbekannt. Um so größer die Freude über die Rückkehr der erst genannten, der "guten Art" des Fußballsports. Die Jungs haben doch tatsächlich ein richtiges Fußballspiel abgeliefert und schon war die Stimmung auf den Rängen so gut wie lange nicht mehr. Das schier unerschöpfliche Repertoire an "Schlachtgesängen" schien an diesem Tag noch ein wenig größer zu sein, als es ohnehin schon ist.
Schade nur, dass gerade einmal etwas mehr als 13.000 Fans im Stadion waren. Letztendlich ist mir das schon immer ein Rätsel gewesen. Woran liegt es eigentlich, dass wir unsere "Hütte" nie voll kriegen? Die starke Konkurrenz in direkter Nähe mag hier vielleicht als Erklärung dienen. Doch zumindest in Sachen Stimmung ist Quantität bekanntermaßen sowieso unwichtiger als Qualität.
Was hilft es einem also, wenn 70.000 Leute im Stadion sind, von denen 50.000 Kürbiskerne knabbern und nahezu der Rest des Publikums das gesamte Spiel damit beschäftigt ist, Fotos für das heimische Familienalbum zu knipsen? In Barcelona ist das so. Dort kommen regelmäßig zwischen 60.000 und 90.000 Leute. Nur Fußball-Fans sind kaum noch welche dabei. Ich gehe also weiterhin lieber an die Wedau. Dort sind zwar vergleichsweise wenig Menschen im Stadion, dafür ist die Atmosphäre zehnmal so gut wie in der katalanischen Hauptstadt.
Der Grund dafür ist simpel: In Duisburg lebt der Fußball nämlich noch von dem, was ihn einst auszeichnete und was dank eines immer komplexeren Regelwerkes auf dem Platz und stärker werdenden Repressionen um die Stadien herum immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird: den Emotionen. Zumindest auf den Rängen ist das schon immer so gewesen. Auf dem Rasen war das wenigstens am vergangenen Sonntag endlich auch einmal wieder der Fall. Die "gute Art des Fußballs" kommt dann von ganz alleine zurück.

