Zwei Themen beschäftigen den Finanzvorstand derzeit besonders. Zum einen die Suche nach einem neuen Hauptsponsor. Zum anderen, die möglichen Neuverpflichtungen gemeinsam mit Thomas Ernst unter Dach und Fach zu bringen. Doch Schwenken, mittlerweile einer der dienstältesten VfLer, gerät dabei nicht in Hektik. Denn es wäre nicht das erste Mal, dass erst wenige Tage vor dem Saisonstart bei beiden offenen Themen die Entscheidungen fallen.
Mit rund 38 Millionen Euro plant der VfL Bochum auch in der kommenden Spielzeit seinen Etat, nachdem dem Klub im wirtschaftlichen Bereich in der abgelaufenen Saison eine Punktlandung gelungen ist. RS sprach mit Schwenken über die Zahlen außerhalb der Tabellenwerke, die den VfL durch die Saison immer begleiten.
Ansgar Schwenken, hat der VfL in der abgelaufenen Spielzeit schwarze Zahlen geschrieben?
Ja, wir bewegen uns genau in dem geplanten Rahmen.
Bitte ein wenig konkreter. Sprechen wir über den Zuschauerschnitt.
Wir haben mit 23.500 geplant, im Schnitt sind pro Spiel 400 mehr gekommen. Aber das hat sich bei den Einnahmen kaum ausgewirkt. Insgeheim erhoffe ich mir für die kommende Spielzeit, dass wir etwas erfolgreicher im eigenen Stadion spielen. Prima wäre ein Schnitt von 25.000 Zuschauern und sechs oder sieben ausverkaufte Spiele.
Wie gestaltet sich die Entwicklung im TV-Ranking?
Wir haben da mit Platz zwölf geplant, und das haben wir auch erreicht.
Welche Veränderungen sind in der kommenden Spielzeit dort möglich?
Zunächst einmal bedeutet jede Verbesserung oder Verschlechterung rund 800.000 Mehr- oder Mindereinnahmen. Die drei Aufsteiger rücken uns nicht auf den Pelz. Aber wenn Hoffenheim so weiter macht, besteht die Gefahr, einen Platz zu verlieren. Andererseits könnten wir uns auch an Eintracht Frankfurt vorbei schieben. Unabhängig von diesen Platzierungen werden wir in der kommenden Saison aber Mindereinnahmen von 1,2 Mio. aus den TV-Honoraren hinnehmen müssen.
Wie ist die Situation bei den Sponsoren?
Fakt ist, zur Zeit haben wir keinen Hauptsponsor. Mit unserem Vermarkter sport.five haben wir diverse Gespräche mit verschiedenen Interessenten geführt und werden sie weiter führen. Deutlich spürbar ist aber, dass in der Wirtschaftskrise die Entscheidungsfreudigkeit sehr eingeschränkt ist. Schnell einen Vertrag abzuschließen wäre zwar möglich. Doch wir wollen uns auch nicht unter Wert (Red.: 2,5 Mio geschätzt) verkaufen. Bei den Premium-Partnern scheidet Klicktel aus. Dafür haben wir guten Ersatz gefunden und werden diesen Namen demnächst präsentieren. Darüber hinaus laufen derzeit Gespräche mit DWS über eine Fortsetzung des Vertrages. Bei den Top-Partnern ist die Verlängerung von Karabalta noch offen. Außerdem suchen wir einen Hotelpartner.
Während alle Vereine kräftig hinlangen, hält der VfL seine Eintrittspreise für Dauerkarten im nächsten Jahr konstant.
Ich denke, wir sind einer der ganz wenigen Klubs, vielleicht sogar der einzige, der trotz geringerer TV-Einnahmen die Eintrittspreise im Dauerkartenbereich nicht erhöht. Das ist ein Dankeschön an unsere treuen Fans.
Bei den Einzeltickets gibt es allerdings preisliche Veränderungen.
Ja, wir haben im Bereich der Westtribüne unsere Preise den auswärts üblichen angepasst (von 20 auf 25 Euro). Wir tragen eigentlich nur den üblichen Marktbedingungen Rechnung. Denn diese Preise zahlen unsere Fans auswärts schon seit Jahren.
Erstmals in der kommenden Spielzeit sind die Heimpartien in die Kategorien A, B und C eingeteilt. Was bedeutet das?
Die Kategorie A bedeutet die „normalen“ Bundesliga-Begegnungen. In der Kategorie B (S04, BVB, Köln, HSV, Gladbach, Bremen, Stuttgart und eventuell eine weitere Partie) erheben wir zwei Euro Aufschlag auf den Steh- und fünf Euro auf den Sitzplatz. „C“ bedeutet nur das Spiel gegen die Bayern, da kommen nochmals zwei Euro für den Steh- und fünf Euro für den Sitzplatz hinzu. Da wir immer noch deutlich unter dem Ligaschnitt liegen, halte ich das für vertretbar. Und noch einmal: Dauerkarteninhaber sind von dieser Einteilung überhaupt nicht betroffen. Sie sehen 17 Heimspiele zum Preis von 15 Heimspielen der Kategorie A.
Kann der VfL mit dieser leichten Preiserhöhung die wegfallenden TV-Einnahmen denn kompensieren?
Nein, das können wir bei weitem nicht. Das Gros der TV-Verluste kann nur durch eine Verminderung der Ausgaben aufgefangen werden. Investitionen wie im letzten Jahr sind dadurch unmöglich.
Im vergangenen Sommer überraschte der VfL mit einer Senkung der Verbindlichkeiten auf nur noch 1,58 Mio. Euro. Wie sieht es bei der nächsten Jahreshauptversammlung aus?
Ich will nicht vorgreifen, aber wir haben unsere Verbindlichkeiten, wenn auch in kleinerem Rahmen, gegenüber den letzten zwei, drei Jahren weiter abgebaut. Gelingt uns auch in der kommenden Spielzeit der Klassenerhalt, dann sind wir im nächsten Jahr schuldenfrei.
Aber hinkt der VfL nicht dennoch wirtschaftlich dem Rest der Liga hinterher?
In der Tat. Ich habe vor drei Jahren einmal einem VfL-Partner gesagt: Wenn es uns gelingt, einmal einen 18-Millionen-Etat für unseren Kader aufzustellen, machen wir auch sportlich einen großen Schritt. Mittlerweile haben wir das fast erreicht. Die Crux ist nur, der Etat für die Lizenzspieler liegt im Liga-Durchschnitt mittlerweile bei mehr als 35 Mio. In Wirklichkeit haben wir uns also, trotz der Steigerung, weiter entfernt. Ich möchte noch ein paar Zahlen nennen: Unser Umsatz beträgt 38 Mio,. der Schnitt der Liga liegt bei 90 Mio. Und Bayern München hat gerade für Mario Gomez eine reine Ablösesumme von 30 Mio. Euro nach Stuttgart überwiesen. Von diesem Geld hätten wir in den letzten zwei Jahren unseren kompletten Kader bezahlen können.
Wie lange funktioniert denn überhaupt noch die Bundesliga?
Die Bundesliga ist sicherlich die wirtschaftlich stabilste Liga Europas. Aber der Gigantismus - immer zu den Besten gehören zu wollen - führt zu einer bedauernswerten Entwicklung und zu einem weiteren Auseinanderdriften der Einnahmen. Die Bundesligatabelle war noch nie so exakt ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wenn Werder Bremen mit seinem Potenzial nur Zehnter wird, dann ist es aus unternehmerischer Sicht für den VfL nicht realistisch, in der nächsten Zeit einmal auf einen einstelligen Tabellenplatz zu schielen. Die Bundesliga ist nicht mehr ein Wettkampf zwischen 18 Vereinen, sondern beinhaltet drei Wettbewerbe in sich. Meisterschaft und Champions-League, Europa-Liga und Abstieg. Und mittlerweile sind es immer die gleichen Klubs, die in den drei Wettbewerben spielen.
Welche Gefahr sehen Sie in dieser Entwicklung?
Die ganze Sache wird eingefahren, wenn immer nur die gleichen Mannschaften auf den gleichen Plätzen stehen und es überhaupt kein Auf und Ab mehr gibt.
Was bedeutet das für den VfL?
Es muss sich vielleicht im Bewusstsein unserer Fans etwas ändern. Denn wenn der VfL im untersten Tabellendrittel Platz eins belegt, dann ist das sportlich vergleichbar mit einer Meisterschaft des FC Bayern. Vielleicht sollte man, wenn man das alles zugrunde legt, sich mit dem Erhalt der Eliteliga als Ziel durchaus anfreunden können.
Die häufigste Forderung vieler Anhänger in den letzten 20 Jahren lautet: Warum geht der VfL nicht mehr ins Risiko?
Betrachten wir die Tabelle. Köln, Mönchengladbach, Frankfurt und Hannover sind die Teams, mit denen wir uns noch am ehesten messen können. Diese Teams haben alle einen Etat von um die 60 Millionen. Wir haben ein Drittel weniger. Wenn wir uns - woher auch immer - zehn Millionen besorgen und aufrüsten, dann haben wir immer noch zehn Millionen weniger als die Konkurrenz zur Verfügung. Aber keinesfalls die Gewissheit, dass es uns mit dieser Investition gelingt, diese Vereine hinter uns zu lassen. Denn diese Klubs haben es ja auch nicht geschafft, mit 20 Millionen mehr, sich von uns groß abzusetzen. Ich denke, dass alle Verantwortlichen des VfL im Interesse der Vereins handeln, das machen, was möglich und finanzierbar ist. Und nicht mit Harakiri-Aktionen den Fortbestand des ganzen Klubs gefährden.

