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Ortstermin: Freitag, 12. Juni 09, Astra-Theater, Essen
Spielverderber? "Der Kämpfer ist noch da!"

Wer mit 73 noch Fußballspiele pfeift, muss wahnsinnig sein. Wer freiwillig Schiedsrichter wird, muss erst recht einen Hang zur Selbstverstümmelung haben. Denn wer mal selbst aktiv gegen das runde Leder getreten hat oder auch nur als Fan einen Fußballplatz besucht hat, der weiß:

Schuld ist am Ende meistens der Schiedsrichter. Blitzableiter vom Dienst - wer möchte sich das freiwillig antun? Um dieses Thema dreht sich der Film "Spielverderber" von Georg Nonnenmacher und Henning Drechsler, der im Essener Astra Theater letzten Freitag seine Premiere gefeiert hat. Sechs Euro kostete eine ermäßigte Karte, die der Verkäufer mit in seinem - wie das Gebäude mitsamt Innenausstattung noch aus dem Eröffnungsjahr 1958 stammenden Kartenhäuschen - mir übergibt.

Bereits von außen wirkt das Kino, mit seinen in roten Lettern auf weißer Schrift in zwei Schaufenstern präsentierten Streifen, altehrwürdig. Die Menschentraube, die sich bereits 45 Minuten vor Beginn der Veranstaltung vor dem Kino sammelt, drängt sich um die beiden anwesenden Hauptdarstellern Keine Holografien oder sonstigen Schnickschnack, ein einfaches Papierkärtchen mit einer abreißbaren Ecke reicht hier aus.

Die Hauptdarsteller auf der Bühne des Astra-Theaters (RS-Foto: Markus Kleine-Beck).

Vor dem Eingang zum Kinosaal "Astra", der 432 durchgesessene, grüne Stoffsessel auf grün-beigem PVC beherbergt, kann der geneigte Besucher für zwei Euro ein kühles Blondes an der in dunklem Holz gehaltenen Bar erwerben. Zum Verweilen laden zudem eine Couch und einige Sessel mit abgewetztem, rotem Leder ein.

Im Kinosaal selbst nehme ich relativ zentral Platz, bis zum Start des Films um 20.15 Uhr soll sich der Saal mit 250 Besuchern nicht zur Gänze füllen. Das Klavier, dass vor der mit einem staubigen rot-blauen Vorhang verdeckten Leinwand steht, erinnert an Stummfilmbegleitung. Die zwei Boxen daneben lassen aber doch erkennen, wo die Zeitreise endet - Dolby-Digital gehört auch hier zum Standard.

Das Plakat zeigt, worum es geht (RS-Foto: Markus Kleine-Beck).

Zwei der drei Protagonisten haben ihren Weg an diesem Abend ebenfalls in die Essener Innenstadt gefunden: Oreste Steiner, mit 73 Jahren immer noch in den unteren Ligen im Essener Norden tätig, und Kevin Prösdorf, der zu Beginn der Dreharbeiten vor der WM 2006 als damals 14-Jähriger gerade seinen Schiedsrichterschein gemacht hat. Herbert Fandel, der als Bundesligaschiedsrichter extremen Belastungen standhalten muss, war entgegen ersten Ankündigungen aber nicht zugegen.
Kurz vor Beginn des Films kommen die beiden Regisseure zu Wort, und hoffen, dass die zahlreich erscheinenden Besucher sich bei dem "unterhaltsamen Dokumentarfilm" amüsieren werden.

Nachdem die beiden ihre Laudatio beendet haben, erklingt drei Mal ein Gong, der verwaschene Vorhang schiebt sich zur Seite und gibt den Blick auf die Leinwand frei. Auf dieser hält sich Kevin Prösdorf gerade mit einigen anderen mehr oder weniger lehrfreudigen Schiedsrichteranwärtern zu einer Trainingsstunde auf. "Spieler sind manchmal nicht intelligent", erzählt der Lehrer unter anderem.

Nach dem Schnitt geht es weiter von prolligen Jungtürken zum Herbert Fandel weiter. Der Klavierlehrer aus Bitburg in der Eifel versucht, das Üben mit einem Musikinstrument mit dem Schiedsrichterwesen zu vergleichen: "Beides musste ich von der Pike auf lernen."

Auch wenn dieses Exempel hinkt, so ist zumindest die Parallele zwischen dem Schiedsrichterwesen in der Bundesliga und bei den Amateuren zu erkennen: Der Druck von außen, die Blitzableiterfunktion, das Durchsetzungsvermögen - alles Eigenschaften, die den Referee oben wie unten prägen.

So beschreibt der Film das Leben und die Schiedsrichterei der drei Hauptdarsteller: Wie Herbert Fandel privat und auf dem Platz Entscheidungen trifft. Wie Kevin Prösdorf mit sich selbst, der Pubertät und allen damit verbundenen Problemen zu kämpfen hat. Und den Werdegang von Oreste Steiner, der sein Leben in der Schweiz wegen seiner Frau aufgab und seitdem im Ruhrgebiet auf die Ascheplätze begibt - und bisher noch keines seiner 4000 Spiele abbrechen musste.

Im stockdunklen Kino ist bereits während dieser ersten Szenen Gelächter und Applaus zu hören, wenn Steiner mit kauzigem Dialekt einen Lamentierer zum Schweigen bringt oder wenn Kevin vor lauter Prüfungsangst eine völlig panische Miene aufsetzt.
Nach knapp 90 Minuten ist das Schauspiel vorbei, der Saal wird erneut von dem beeindruckenden Kronleuchter unter der Decke in Licht getaucht. Die Regisseure treten erneut an das Mikrofon, bedanken sich für die Aufmerksamkeit und bitten schließlich die anwesenden Hauptakteure unter dem verdienten Applaus nach vorne.

"Es war ein guter Film, die Schiedsrichter haben es ja wirklich nicht leicht. Aber wenn man auf dem Platz steht und so eine Pfeife vor der Nase hat, dann kocht das leicht und gerne hoch", betont Kollege Thomas, der mit 34 Jahren seine Karriere langsam in der Kreisliga A ausklingen lässt und mittlerweile nach eigenen Angaben etwas ruhiger an die Sache ran geht. "Nachdem ich den Film gesehen habe, vielleicht noch etwas ruhiger", schmunzelt der Essener.

Auch der 27-jährige Mike, der im Anschluss an den Film noch auf dem roten Lounge-Sofa bei einem Bier Platz genommen hat, will sein Temperament demnächst zügeln. "Manchmal ist das sehr, sehr schwer. Gerade wenn man einen jungen Schiedsrichter hat, wissen wir Spieler natürlich auch, dass man bei dem auch mal mehr reinreden kann."

Doch daran würden die jungen Männer schließlich auch wachsen, denn: "Was uns nicht tötet, macht bekanntlich nur härter", schmunzelt der Kicker.

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