Es ist Donnerstagabend, die Linie 106 quietscht die viel befahrene Altendorfer Straße hoch. Zur Linken und Rechten reihen sich Low-Cost-Friseure und Döner-Imbisse aneinander. Altendorf, einer der bevölkerungsreichsten Stadtteile Essens, über 20 Prozent der hier lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Hinter einer dicht bebauten Häuserwand beginnt mein heutiger Termin. Um 18 Uhr stehe ich an der Serlostraße am Eingangstor zum Platz des Essener Traditionsvereins TuRa 86.

Geschäftsführer Kastner im Vereinsheim der TuRa (RS-Foto: Schölzel)
„Wenn Euch die Leute fragen, dann könnt ihr es ruhig sagen, wir werden TuRa Essen genannt, sind überall bekannt in Essen, Stadt und Land.“ Schon das Vereinslied zeugt davon, dass es sich hier um einen besonderen Verein handelt.
Stefan Cassola, Spieler bei den „Alten Herren“ begrüßt mich, wenig später kommt auch Geschäftsführer Dirk Kastner hinzu. Trainer Michael Cassola schickt die wenigen Spieler, die heute am Training teilnehmen können, die paar Stufen zum Platz hoch. Auf dem hinteren Teil des Platzes kicken ein paar Jugendliche. „Wir sind hier mitten in Altendorf. Die Integration findet bei uns auf dem Platz statt, tagtäglich. Die wird eigentlich auch bei der Politik groß geschrieben. Wir schauen mal was dabei heraus kommt“, sagt Kastner hoffnungsvoll.
Indirekt spricht er damit die noch immer zur Debatte stehende Schließung der Platzanlage Serlostraße an, die im Zuge des so genannten „Masterplan Sport“ bevor stehen könnte. Seit über 85 Jahren ist dies hier die Heimat der TuRaner, nun wird seitens der Stadt ein Umzug angedacht, der die Nutzung an der 700 Meter entfernten Sportanlage an der Bockmühle vorsieht. Dort spielen mit Juspo Essen-West und dem FC Alanya bereits zwei Vereine, mit TuRa käme der Klassenstärkste hinzu.
Für den Geschäftsführer wäre die Schließung aus vielerlei Gründen ein Schlag ins Gesicht: „Unser Platz hat eine Drainage. Bei Regen kann das Wasser also problemlos ablaufen.“ Hier einen Kunstrasenplatz zu bauen, wäre demnach deutlich billiger als bei vielen anderen Ascheplätzen. Den 42-Jährigen ärgert, dass somit auch die Arbeit der vielen ehrenamtlich agierenden Helfer missbilligt wird. „Wir sind täglich auf dem Platz, haben hier viele Kinder. Die Senioren geben ihre Erfahrung im Verein weiter. 99 Prozent der Spieler in der ersten Mannschaft kommen aus unserer Jugend, auch das ist etwas Außergewöhnliches.“
Michael Cassola, der den Schwarz-Weißen seit 1978 angehört, unterstreicht die Verbundenheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb des Vereins: „Alle, die den Verein kennen und schätzen gelernt haben, zerreißen sich natürlich auch mehr als Leute, die die Strukturen nicht kennen, aber über solche wichtige Sachen wie die Schließung urteilen dürfen. Hier gibt es viele ältere Mitglieder, die noch die guten Zeiten von TuRa miterlebt haben. Wir haben in der höchsten Amateurklasse gespielt, da standen hier noch die Ruinen nach dem Krieg und wir hatten an die 20.000 Zuschauer. Gerade den älteren Mitgliedern wird es schwer fallen, sich mit einer neuen fußballerischen Heimat abzufinden.“
Eines der älteren und vor allem bekannteren Mitglieder ist Dieter „Kelly“ Wiemer. Der heutige zweite Geschäftsführer ist ein echtes TuRa-Urgestein. Er sitzt im kleinen Vereinsheim, das mit vielen eingerahmten Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden an die erfolgreichen Zeiten in den 50er und 60er Jahren, als man in der 2. Liga West und der damaligen Landesliga auflief, erinnert. „Tura 86 ist im Grunde genommen ein schlafender Riese. Wenn wir ein bisschen mehr Geld hätten, könnten wir sogar in der Landesliga bestehen. Aber Altendorf ist ein armer Stadtteil, die Sponsoren sind nicht zufrieden. Davon abgesehen stimmt das Umfeld absolut“, erzählt Wiemer.
Über 200 Fans bei einem der letzten Auswärtsspiele bei den Ballfreunden Bergeborbeck zeugen davon und sind für Kreisliga-Verhältnisse eine Seltenheit. Altendorf ist TuRa und TuRa ist Altendorf. Der Verein ist im Stadtteil voll akzeptiert. Die Kinder lernen hier das Fußballspielen. Türken, Libanesen, Polen und andere Nationalitäten gehören der TuRa-Gemeinde genauso an wie Friedrich Brüne.
Brüne war, genauso wie Kelly Wiemer, Spieler bei TuRa und hat heute den 1. Vorsitz inne. Bei einer Cola erzählt er mir vom Ärger, den man momentan mit der angrenzenden Sporthalle und den Umkleidekabinen hat. „Uns wurde die Sanierung der Halle bereits versprochen, ehe die Halle „Am Hallo“ abgebrannt ist und dort das Geld rein floss. Die Umstände sind nicht mehr tragbar. Hier wurde von der Stadt im Prinzip seit 50 Jahren nichts gemacht“, berichtet der 68-jährige.

Seit Jahzehnten wurde nichts gemacht: Die Umkleidekabinen an der Serlostraße
Kastner führt mich anschließend durch die Katakomben, die zum Teil unter Schimmelbefall leiden. „Im Juli gab es hier eine Überschwemmung, unser Keller ist voll gelaufen und dadurch die Duschversorgung ausgefallen“, beklagt er. „Es hat dann über sechs Wochen gedauert, bis wir wieder heißes Wasser hatten.“
Zuversicht für den Erhalt der Anlage gab es zuletzt im Rahmen des Wahlkampfes für die Kommunalwahl im August, als der inzwischen neu gewählte Bürgermeister Reinhard Paß auf dem Platz am Trainings- und Schulbetrieb teil nahm. Tenor damals: Es werde dafür gesorgt werden, dass an der Serlostraße auch weiterhin der Ball rollen kann. „Wir hoffen, dass das nicht nur leere Versprechen waren, sondern auch Taten folgen“, wünscht sich Kastner. Bislang gibt es noch keine neue Wasserstandsmeldung.
Es bleibt also die Hoffnung, dass der 125. Geburtstag, der in zwei Jahren ansteht, auch am traditionellen Ort gefeiert werden kann. Vielleicht sind dann sogar neue Sanitäranlagen installiert.
Zum Abschluss bekomme ich von Kelly Wiemer noch die neueste Ausgabe der „TuRa Post“, eines der ältesten Stadionmagazine Deutschlands in die Hand gedrückt. Noch so eine Besonderheit der TuRa. Und wer weiß, vielleicht hat der Kreisliga B-Aufsteiger, der zu Saisonbeginn mit vier Siegen aus fünf Spielen einen perfekten Start erwischte, in nächster Zeit wieder allen Grund dazu, das Vereinslied mit Stolz zu singen: „Wir sind auf allen Plätzen in Essen gern gesehen, weil wir in der Tabelle an erster Stelle stehen.“
