Sein Körper bleibt lebenslang zu 90% gelähmt, er ist an seinen vier Gliedmaßen stark beeinträchtigt, was im medizinischen Fachjargon „Tetraplegie“ genannt wird. Eine Lebenskrise, ein Pflegefall ohne Perspektive? Keineswegs: Wo andere aufgeben, fing Grenzgänger Grundl erst richtig an. Er wurde der erste diplomierte Sportwissenschaftler an der Sporthochschule Köln, der im Rollstuhl sitzt (Thema der Abschlussarbeit: Rollstuhltennis). Dazu wurde er einer der besten Rollstuhl-Rugby-Spieler Europas (RSC Köln - "Cologne Alligators"), eine Sportart, bei der es so richtig hoch hergeht und die alles andere als gesundheitsförderlich aussieht .
Auf einer Holztür nach dem Unfall aus dem Dschungel getragen, acht Monate „Reha“, Sozialhilfe - trotz aller Hindernisse entwickelte er sich innerhalb weniger Jahre zum Marketing- und Vertriebs-Direktor in einem europäischen Großkonzern. Grundl hat eine Blitzkarriere als Führungskraft und Führungsexperte erreicht. Er gilt in Europa als Top-Experte zum Thema Menschenführung.
Boris Grundl, wie stehen Sie zum Boykott der Olympischen Spiele?
Politisch gesprochen, stellt sich immer die Frage, was hat Sport mit Menschenrechten zu tun? Viel aus einer Sicht. Deshalb wäre der Boykott zu unterstützen. Auf der anderen Seite wird so vielen Leuten, die dahinter stehen, Unrecht angetan, dass man es fast nicht aufwiegen kann. Der politische Druck in punkto Menschenrechte muss genutzt werden. Aus Marketinggründen ist es clever, das Thema Tibet jetzt in den Fokus zu bringen. Das wird Wirkung auf China haben, auch wenn die es sich verbitten. Für mich ist der Boykott aber nicht zu wählen.
Grundl war 1. Vorsitzender von Rollstuhl Rugby Deutschland - auch dort führte er: Grundl hat Karriere gemacht - in Sport und Beruf. Angetrieben durch unbedingten Willen, gepaart mit Biss schaffte er es innerhalb kürzester Zeit nach oben. Bundesliga, Nationalmannschaft: "Ich war immer Leitwolf."
Familie (eine Tochter) und Meditation geben dem Spitzensportler Kraft. Grundl ist ein Kämpfer und er wird jeden Tag weiter kämpfen, denn "der Weg, den ich gehe, ist manchmal ein einsamer". Er redet Klartext, bleibt dabei stets humorvoll und bringt die Dinge präzise auf den Punkt.
Der Behindertensport soll in Peking vermehrt im Blickpunkt stehen!
Ich sehe das realistisch. Man kann sich beschweren, dass es an Anerkennung fehlt, oder man kann sich freuen, dass Anerkennung da ist. Ich interessiere mich für das Zweite. Es fehlt noch viel, bis ich gleiche finanzielle Anerkennung habe. Es gibt nur die beiden Sichtweisen, was noch vermisst wird und was schon da ist. Wenn ich sehe, was da ist, freue ich mich über die Entwicklung. Der Umgang mit der Behinderung wird natürlicher. Die Schwierigkeit ist: Respekt und Bewunderung ist ein Unterschied. Respekt ist Anerkennung, während Bewunderung eher versteckte Diskriminierung ist. Immer wenn Behinderte in der Öffentlichkeit auftreten, heißt es: Schau einmal, was die leisten. Es ist schwer, darüber zu sprechen, ohne zu diskriminieren. Wenn es aufrichtiger Respekt ist, ist jedes Mehr nur zu wünschen. Der Weg bis dahin ist noch lange.
Sie waren Siebter der Olympischen Spiele in Sydney. Wie definieren Sie Ihren Olympischen Gedanken?
Ich muss selbstkritisch sein, das war mitten in meinem Managerwahn. Ich hatte mir drei Wochen herausgeschnitten, um nach Australien zu fliegen. Mein Ehrgeiz war, eine Medaille mitzunehmen und das abzuhaken. Ich war nicht präsent, sondern habe erst im Nachhinein die Vielfalt genossen. So was wie die ständigen Interviews, Autogramme, die Einladung ins Aktuelle Sportstudio. Das war eine Machtmentalität. Es tut mir leid, weil ich auch meine Kollegen dementsprechend behandelt habe. Im Grunde stehe ich jetzt für: dabei sein ist alles. Dazu kommt noch: Sei der Beste, der du sein kannst. Ich habe mich von der Philosophie verabschiedet, besser zu sein als andere. Es geht darum, alles zu geben, nicht darum, den anderen zu besiegen.
Wichtige Begriffe Ihres Motivationsverständnisses sind Demut, Dankbarkeit, Ziele. Wie definieren Sie alles zusammen?
Das sind Lebenseinstellungen, demütig können Sie nur sein, wenn sie mutig sind, es erwächst also aus Mut. Demut ohne Selbstvertrauen ist nur selbstzerfressender Zweifel. Motivation ist in der Tiefe nichts anderes als Ziele mal Selbstvertrauen. Es ist nichts anderes, als der Antrieb, der Welt mitzuteilen, wer ich bin. Das Ziel ist etwas, wo ich hin will, was ich sehe, was ich meine. Wenn ich hohe Ziele habe, den Glauben aber nicht entwickle, hat man die größten Probleme. In der Bundesliga wird ständig erzählt: Das war wichtig für das Selbstvertrauen. Wenn man zum Beispiel zu Null spielt.
Seine Kernfrage für alle Führungskräfte ist: Wie kann ich dafür sorgen, dass andere erfolgreich sind?
Der mitreißende Kongress-Redner gehört zu Europas Trainerelite. Sein Erfolgs-Geheimnis: Er perfektionierte die Kunst, sich selbst und andere auf höchstem Niveau zu führen.
Grundl ist ein gefragter Autor, Dozent an mehreren Universitäten. Durch sein Führungs-System „Leading Simple – Führen kann so einfach sein“ haben viele Unternehmen gelernt, wie Sie systematisch das Potenzial ihrer Mitarbeiter entfalten.
Boris Grundl vor dem Unfall, Boris Grundl nach dem Unfall. Gibt es einen gravierenden charakterlichen Unterschied?
Vorher war ich Verfechter des Perfektionisten, der alles kann und alles will, das war die Idee des Arnold Schwarzenegger. Danach wurde ich in eine Hilfssituation gebracht. Ich musste lernen, Hilfe zu lieben, anderen dankbar dafür zu sein, dass es sie gibt. Wichtig wurde, Entwickler zu sein, sich daran zu freuen, wie andere sich entfalten. Es war die Geburt vom Wir.
Sie sagten einmal, Sie hätten die Situation des Unfalls als persönliche Niederlage empfunden.
Ich konnte sie nicht anders sehen. Warum habe ich nicht auf mich aufgepasst? Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in eine Grenzsituation gebracht habe, es gibt einen roten Faden. Warum gehe ich so mit mir um? Die Antwort war: Starke Selbstzweifel. Es tat richtig weh. Dazu kamen die Existenzängste, die Frage: Was bin ich noch wert?
War der Sportler in Ihnen eine der Hauptantriebsfedern, das aus Ihnen zu machen, was Sie heute sind?
Für mich hat Sport Philosophie. Wenn der Sport nur der Sport ist und wird einem genommen, bist Du eine arme Sau. Ist er eine Philosophie, kann man diese auf einen anderen Bereich übertragen. Es geht nicht um das Tennis oder das Golfen, es geht um die Einstellung zu den Themen. Wenn ich die Philosophie habe und das Thema bricht weg, dann schaffe ich das andere Thema. Dazu gehört Wille, Disziplin, Aufwand. In meinem jetzigen Beruf sind Wille und Disziplin auf Talent getroffen. Deshalb geht es auch so gnadenlos ab. Das war ich nicht gewohnt, ich musste vorher hart kämpfen, um einigermaßen vorne mit dabei zu sein.
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