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Grundl: Spitzenathlet – Rollstuhlfahrer – Führungskräftecoach
Sport als Philosophie

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Oscar Pistorius, unterschenkelamputierter Südafrikaner, will in Peking gegen gesunde Athleten antreten, was erst einmal abgelehnt wurde. Welche Meinung haben Sie?

Die eigene Rolle anzunehmen, das, was ich bin, ist nicht nur für einen Behinderten schwierig, sondern für jeden. Ich halte es für absoluten Schwachsinn, anderen zeigen zu wollen, was ich drauf habe im Sinne von: Schaut mal, mir fehlen die Beine und ich kann noch das leisten, was du mit zweien schaffst. Das ist für den Menschen, der das sagt, eine Niederlage. Andererseits, wenn es darum geht, anderen im Sinne der Respektschaffung klar zu machen, was man vielleicht noch hin kriegt, muss ich sagen: Toll. Ich habe beide Sichtweisen in mir. Ich müsste mit ihm reden, um wissen, von welcher Seite er kommt.

Wieso gibt es immer noch Berührungsprobleme der deutschen Medien beim Behindertensport?

Das ist das Bild, das wir Deutschen haben, das ist der Perfektionismus in uns. Wir kommen damit nicht klar, unsere eigene personifizierte Angst zu sehen. Das ist der Spiegel unserer größten Befürchtungen. Die Amerikaner sind lockerer, die Schweden auch. Es ist auch das Elitedenken, das uns im zweiten Weltkrieg zu einem schlimmen Ende gebracht hat. Diesen Touch haben wir: Doppelhaus, verheiratet, zwei Kinder, zwei Hunde, zwei Katzen, drei Millimeter Rasen und Zweitwagen. Was aus der Norm ausbricht, ist eine Bedrohung. Wenn ich kein Problem mit jemandem habe, kann ich ihn locker ansprechen. Wenn ich eines habe, dann liegt es daran, dass ich eines in mir habe. Ich repräsentiere komischerweise gar keinen Behinderten mehr, allerdings bin ich durch meinen Erfolg auch in einer ganz anderen Liga.

Rollstuhl-Rugby! Zwei Begriffe, die sich eigentlich widersprechen. Wie erklären Sie den Hintergrund, wenn man Sie erstaunt fragt?

Richtig, ein Widerspruch, das ist das Spannende. Die Medien sehen, dass die Rollis wie die Idioten aufeinander drauf hämmern und sich blocken, einen aus dem Stuhl kippen, während alle anderen vor Freude brüllen. Der beschützenswerte Rolli-Fahrer passt für die Reporter nicht dazu, die oft verkappte Sozialpädagogen sind. Bilder werden verändert. Deshalb ist der Sport für einen Laien erst einmal ein Widerspruch, der sich aber löst. Auch deshalb, weil er in den Medien saugut ankommt.

Wie haben Sie vor dem Unfall Erfolg definiert und wie definieren Sie den Begriff heute?

Vorher war es wichtig, dass ich meine Ziele erreiche, heute erreiche ich mein Wachstum, in dem ich andere entwickle, das ist ein enormer Unterschied.

Fällt es Ihnen heute leichter, authentisch zu sein?

Ja! Die Suche nach Anerkennung fällt weg, weil ich so viel habe. Ich kann deshalb immer mehr ich selbst sein. Auf den Punkt gebracht: Mit vollen Windeln lässt es sich gut stinken.
Ihr neues Buch heißt „steh auf“ – ist das auch eine Provokation?
Ja, es sind Bekenntnisse eines Optimisten, es geht nicht um happy, happy, happy. Es geht um Schmerzen, Niederlagen und Überwindungen. Der Sieg ist danach da, aber erst musste eine Niederlage bewältigt werden.

Hätten Sie Ihr erstes Buch „Leading simple“ so auch vor dem Unfall geschrieben?

Nein, das geht gar nicht. Das Thema Führung kannte ich durch den Tennissport, auch in der Bundeswehr erhielt ich Anerkennung. Jetzt bin ich so was wie ein „Guru“. Mentoren sagen, dass ich die geistigen Fähigkeiten, die man eigentlich mit 60 hat, durch das Leid mit 40 habe.

Was bedeuten für Sie die Begriffe „mentale Stärke“ und „Disziplin“ und wie transferieren Sie diese Sicht auf den Sport?

Mentale Stärke heißt, den Fokus auf das zu legen, was passiert. Nicht auf das, was nicht passieren soll. Also wo schießt du hin, nicht wo darfst du nicht hinschießen. Diese Konzentration ist für mich wichtig. Disziplin ist nichts anderes, als dem eigenen Wort zu folgen.

Gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede zwischen nichtbehinderten und behinderten Sportlern?

Wenn man einen behinderten Sportler begleitet und merkt, gegen welchen Widerstand dieser angeht und welcher Aufwand notwendig ist, dann müssen sie wirklich die Hacken zusammennehmen. Das sind Vorbilder.

Sind Sie in einer gemischten Gruppe – also beim Sport in einem Team - automatisch prädestiniert, als Führungspersönlichkeit zu fungieren?

Kann ich schwer sagen. Aufgrund dessen, was ich mittlerweile mache, sind natürlich alle still. Ich weiß nicht, ob das auf meine Behinderung zurückzuführen ist, oder auf meinen klaren Geist. Ich denke, es ist der zweite Aspekt. Die Autorität erwächst durch die Persönlichkeit. Ein Behinderter, der sein Leid verarbeitet hat, hat immer eine starke Persönlichkeit.

Wie kann man als Trainer Machtspiele in einer Mannschaft am besten analysieren?

Die Menschen müssen genommen werden, wie sie sind. Das heißt, Menschen sind Einfluss-geil. Jeder will sein Revier haben, das muss man markieren. Wenn man um diese Geilheit weiß, das ein Streben nach Anerkennung ist, ich das akzeptiere und nicht negativ bewerte, bin ich sofort in der Lage, gut damit klar zu kommen. Wenn ich mich darüber ärgere, dann bin ich im Bewerten und habe keinen klaren Blick. Ich muss Menschen sauber wahrnehmen, um sie anschließend zu lenken. Die großen Trainer wissen um die Natur des Menschen.

Welchen Hauptratschlag würden Sie einem Trainer innerhalb der Fußballbundesliga geben, wenn er Sie fragen würde?

Er soll lernen, emotionale Nähe und Distanz professionell zu beherrschen. Trainern, die mehr über die Kumpelseite gehen, würde ich empfehlen, die Distanzseite emotional zu integrieren. Derjenige, der autoritär auftritt, muss im richtigen Moment Nähepunkte setzen. Innerhalb dieses Spannungsfeldes können Sie am einfachsten Menschen zu Spitzenleistungen führen.

Sie sagen, Führung muss sich selbst überflüssig machen – also auch ein Trainer im Sport. Wie soll man das klar machen?

Das Wichtigste ist, das zu wollen. Wer will schon, dass Dinge ohne ihn laufen? Dieser philosophische Ansatz bedingt, Leuten zu dienen, damit sie selbst klar kommen. Eine Fußballmannschaft ist sowieso 90 Minuten alleine auf dem Platz. Um es zu schaffen, dass das Team alleine funktioniert, muss ich die Gruppe in den Mittelpunkt stellen. Der Trainer sagt, ich bin Diener der Mannschaft, ohne mich natürlich verarschen zu lassen. Das ist schwierig. Ich muss dominant sein, damit ich alles im Griff habe. Andererseits muss ich mich zurück ziehen, damit die Akteure selber laufen. Das Interesse muss da sein, dass es ohne einen selbst läuft. Das ist eine geistige Meisterleistung. Eltern machen sich heute nicht überflüssig bei den Kindern, sondern bauen Abhängigkeit auf. Das heißt, wir haben eine Generation von Weicheiern draußen rumlaufen, die Jammerei ist groß. Unabhängigkeit würde heißen: Ich will, dass meine Kinder ohne mich klar kommen. In Firmen und auf dem Sportplatz stellt sich die Frage, will das überhaupt jemand.

Gerade im Profi-Mannschaftssport entwickeln sich die Clubs zu Unternehmen. Was muss eine Führungskraft wie ein Trainer neben sportlicher Qualifikation für die Zukunft entwickeln?

Die Abläufe, die in Wirtschaftsunternehmen da sind, haben genau so viel mit Einfluss und Kompetenz zu tun wie die auf dem Fußballplatz. Das ist für
jemanden leicht zu lernen, der das andere Geschäft auch kennt. Man muss das beherrschen, sonst weiß man nicht, was gespielt wird. Toll ist es, wenn man einen Manager hat, dem man hundertprozentig vertrauen kann. Alles bis zu diesem Zeitpunkt, wenn es eng wird. Dann weiß man nicht, wie er zu einem steht. Man darf sich nicht nur als Fußball-Lehrer sehen, das wäre ab einer gewissen Klasse naiv. Man muss dann wissen, wie kommunikative Machtspiele zu bestreiten sind.

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