
Unvergessen – nicht nur an der Hafenstraße: der Entertainer Willi Lippens, 1973.
„Woher der Spitzname ‚Ente’ kommt? Meine Vorfahren wurden in den Niederlanden geboren, wo nun einmal alles platt und flach wie ein Kuchenteller ist. Von ihnen habe ich dann den Plattfuß geerbt. Ein Wunder ist es nicht. Wenn man stets durch eine Gegend latschen muss, in der es nicht den kleinsten Hügel gibt, muss man einfach Plattfüße bekommen!”
Nachdem die Lacher dann verklungen sind, rückt der Autor Dietmar Schott, selbst eine Legende des WDR-Hörfunks, mit der längst nicht so amüsanten historischen Wahrheit heraus. Der früh verstorbene Essener Reporter Jürgen Abel erfand den Spitznamen, über den der so Geehrte anfangs überhaupt nicht begeistert war: „Wie die meisten Fußballer war auch Willi in jungen Jahren etwas eitel. Wer wollte schon mit einer Ente verglichen werden?“, erzählt Schott. Erst später hat sich der Essener Linksaußen mit dem Spitznamen angefreundet und sein Markenzeichen daraus gemacht. „Im Nachhinein konnte mir kaum etwas besseres passieren“, resümiert Lippens heute.

Dietmar Schott: Ich danke Sie! Der Fußballer Willi „Ente“ Lippens, 208 Seiten, zahlr. Abb., Klartext Verlag, Essen, € 16,95, ISBN 978-3-89861-978-3
Die Biografie „Ich danke Sie!“ lässt nun die legendäre Karriere des Fußballers und Entertainers Willi Lippens Revue passieren. Die Idee zu dem Buch kam während der WM 2006, erzählt Dietmar Schott: „Willi und ich tourten durch das Münsterland und diskutieren mit den Fans die Spiele der deutschen Elf. Schließlich auch auf dem idyllisch gelegenen Landsitz von Willi Lippens in Bottrop-Welheim. Beim dritten Bier sah er mich prüfend an und fragte: ‚Sag mal: Kannst Du auch schreiben?’” Dietmar Schott war sofort begeistert. Mit dem Essener Klartext Verlag fand sich schnell eine publizistische Heimat. „Schott über Lippens. Das klingt nach der Konferenzschaltung auf WDR 2, Torjubel an der Hafenstraße, Autowaschen am Samstagnachmittag und lange Mähnen und borstige Kotletten, die von den gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre künden“, so Verlagschef Ludger Claßen.
Dietmar Schott reiste durch die Bundesrepublik und traf viele Weggefährten von Lippens, die sich allesamt noch gut an den schlitzohrigen Holländer erinnern konnten. Manche mit Humor wie Sepp Maier, mache ganz sachlich wie Hermann Gerland. Bis heute ist der Linksaußen jedenfalls unvergessen. Weniger aufgrund seiner Erfolge, denn da gibt es außer Auf- und Abstiege mit Rot-Weiss Essen und einem Länderspiel für Oranje nicht viel aufzuzählen, sondern vor allem wegen seiner originellen Art und Weise exzellenten Fußball mit Show und Humor zu verbinden. Wenn er spielte, war immer der „Schelm“ dabei, der die Verteidiger gerne auch mal verbal vernatzte. „Mensch Berti“, flüsterte er zum seinem Lieblingsgegner Berti Vogts während des Spiels ins Ohr, „schau mal, wie der Hennes Weisweiler schon guckt. Mensch, der nimmt dich gleich raus!“ Und prompt wurde der spätere Bundestrainer noch nervöser. Lippens mit der ihm eigenen verbalen Lässigkeit: „Der hatte immer Dünnpfiff, wenn es gegen mich ging.“

„Der hatte immer Dünnpfiff, wenn es gegen mich ging.“ Lippens über seinen Lieblingsgegner Berti Vogts.
Am Ende fällt der Rückblick von Lippens positiv aus. „Natürlich habe ich in meiner Jugend davon geträumt, einen Pott zu gewinnen. Das ist mir nie gelungen. Aber dafür hat sich ein anderer Traum erfüllt: In den großen Stadien zu kicken und die Zuschauer zu unterhalten“, zitiert Dietmar Schott das persönliche Resümee der „Ente". Denn der geborene Entertainer, der sich als Stand-up Comedian in eigener Sache auch auf einer Bühne wacker schlagen würde, hat sich nicht nur ins Gedächtnis der Menschen sondern auch in das ewige Geschichtsbuch der Fußball-Bundesliga gespielt. So sollten Fans und Journalisten sich gemeinsam erheben und rufen: „Herr Lippens, wir danken Sie!“
Auf Seite 2: Interview mit Willi Lippens
