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BVB-Legende Alfred Niepieklo im Gespräch
„Ohne Harmonie bist Du auf dem Platz verloren!“

Das Einfamilienhaus im Castrop-Rauxeler Stadtteil Frohlinde liegt etwas abseits. Es ist Samstagnachmittag, und an diesem Frühlingstag wirkt die Siedlung wie geputzt. Allein die Klingelschilder am Haus mit der Nummer Zwei versetzen den fußballkundigen Betrachter in Erstaunen: Oben steht „Kelbassa“, darunter „Niepieklo“. Es fehlt nur noch „Preißler“, und schon hätte man den legendären Dortmunder Innensturm der 1950er Jahre beisammen.

Alfred Niepieklo, wohnten die berühmten „Drei Alfredos“ sogar zusammen in einem Haus?

"Selbst im Ältestenrat des BVB bin ich heute wirklich der Älteste!" Alfred Niepieklo, Jahrgang 1927, im April 2009.

Nein! (Lacht.) Obwohl wir uns auf dem Spielfeld und privat gut verstanden haben. Wir waren eine große Familie. Man hockte auch jenseits der Spiele zusammen, und so wurde der Sohn von Alfred Kelbassa zu meinem Schwiegersohn. Den Kapitulski habe ich früher immer mit zum Abendbrot genommen. Die Kontakte untereinander blieben über die aktive Laufbahn hinaus bestehen. Und als Erich Schanko später krank und im Pflegeheim war, waren es die alten Spieler, die sich noch um ihn gekümmert haben. Der soziale Zusammenhalt hielt bei vielen bis zum Schluss. Heute bin ich der älteste noch lebende Spieler der Meisterelf von 1956 und 1957. Viele sind ja schon gegangen und so werden meine Gesprächspartner immer weniger.

Auch Sie haben die Achtzig bereits überschritten.

Na klar, 1927 in Castrop-Bladenhorst geboren. Mein Vater und meine Verwandtschaft malochten alle bei den Rütgers-Werken in der Teerraffinerie. Ich gehörte zu dem Jahrgang, der noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges an die Front geschmissen wurde. Ich war noch keine Achtzehn und schon Soldat. Drei Wochen bei der Marine in Frankreich, dann kaschten mich die Engländer ein und ich kam in Kriegsgefangenschaft, aus der ich erst 1950 nach Castrop zurückkehrte.

Was haben Sie in Frankreich gemacht?

Ich habe auf einem Bauernhof in der Region Champagne im Nordosten Frankreichs als Landwirt gearbeitet. Mein Chef war auch Bürgermeister des Dorfes, und ich hatte es dort wie zu Hause. Der Sportplatz lag nur hundert Meter vom Gehöft entfernt und da konnte ich sogar etwas kicken. Eines Tages kam ein Verantwortlicher von Stade Reims vorbei, eine bedeutende französische Fußballmannschaft zu der Zeit, und wollte mich mitnehmen, aber das ließ mein Chef nicht zu.

Niepieklo im Endspiel gegen den Karlsruher SC, 1956.

Als sie zurückkehrten, gab es die Bundesrepublik schon.

Genau. Die Hungerjahre des Ruhrgebiets und den Wiederaufbau kannte ich aus den Briefen meiner Eltern. Zwei meiner Onkels haben als Journalisten bei den „Ruhr-Nachrichten“ gearbeitet und schickten mir regelmäßig Zeitungen zu. Als ich noch ein Jugendlicher in Castrop war, war der Ruf der Schalker Knappen übermächtig. Auch als ich aus dem Krieg zurückgekehrt war und wieder für Castrop 02 spielte, fuhren wir anfangs zur Glückauf-Kampfbahn. Dann ging ich aber zur Meisterschule nach Dortmund und schließlich kam das Angebot vom BVB, Vertragsspieler zu werden. Die Konkurrenz zwischen den beiden Vereinen war damals noch nicht so ausgeprägt wie heute. Schalke hatte den Stadtrivalen Horst-Emscher und Dortmunds Erzrivale zu der Zeit war Erkenschwick. Erst Jahre später ging es von den Zuschauern los, die Rivalitäten etwas zu schüren. Da Castrop quasi im „Niemandsland“ zwischen beiden Städten liegt und es sowohl eingefleischte Schalker als auch Dortmunder gibt, konnte man das hier besonders spüren.

Worin liegt die besondere Fußballverrücktheit dieser Region?

Auf jeden Fall fing es damals in der Oberliga West an. Wir waren ja ganz normale Jungens, die alle aus dem Milieu des Ruhrgebiets kamen. Keiner kam von weiter weg als 30 oder 40 Kilometer. Und die Leute vergötterten uns auf ihre kumpelige Art und Weise. Wenn ich mit dem Fahrrad zum Rauxler Bahnhof fuhr, von dort mit dem Zug nach Dortmund und dann mit der Straßenbahn weiter zur Roten Erde musste man den Leuten immer Auskunft geben. „Wie lief das Spiel?“, „Warum habt ihr nicht gewonnen?“ Fernsehen gab es ja noch gar nicht, also musste alles erzählt werden. An Spieltagen wartete ich an der Haltestelle Münsterstraße in Dortmund in meiner Trainingsjacke und mit meiner Fußballtasche auf die Straßenbahn Richtung „Rote Erde“, die meistens schon überfüllt war. Der Fahrer machte sich dann den Spaß mit der Durchsage: „Bitte Zusammenrücken! Wenn Alfred nicht mitfährt, spielen die heute nicht.“

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