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100 Jahre BVB: Eine Reise zur Wiege des Vereins
Den Borsigplatz sehen und überleben

An der Wiege des BVB fühlt man sich vom Verein abgeschoben und sehnt sich dennoch nach dem „verlorenen Sohn“. Ralf Piorr besuchte den Borsigplatz und das alte Hoeschviertel. Seine Eindrücke.

Der Borsigplatz, der „Stern des Nordens“, aus der Luft. (Foto: Hans Blossey)

Mitten auf der Verkehrsinsel des Borsigplatzes gibt es nur zwei Alternativen: entweder dich erwischt die Depression oder die Straßenbahn. Der wohl bekannteste Platz Dortmunds erscheint trotz seines immer noch vorhandenen, althergebrachten Charmes in einem fragwürdigen Zustand. Noch Ende Februar finden sich hier haufenweise Reste abgebrannter Feuerwerkskörper der Sylvesternacht. Frustrierte Anwohner lästern sogar, die Reste des pyromanischen Freudenfeuers vergammelten bereits seit der letzten Meisterschaftsfeier im Jahr 2002. Ein öffentliches Bekenntnis des BVB zu seinen Ursprüngen sucht man hier vergebens, obwohl allein die Verkehrsinsel für kreative Ideen genug Spielraum bieten würde. Nur gibt es keinen Fußgängerüberweg und der rasende Verkehr macht das Überschreiten der Fahrbahnen zu einem lebensgefährlichen Abenteuer.

Der einstige „Stern des Norens“ ist gestrauchelt und gestrandet. „Im Frühling, wenn die Sträucher blühen, sieht der Platz schöner aus“, versucht Annette Kritzler abzuwiegeln. Die bekennende Lokalpatriotin führt Touristengruppen durch den Dortmunder Norden: das Hoesch-Viertel, der Hoeschpark - und gerade in Bezug auf die Gründung des BVB gibt es mit der „Weißen Wiese“, der Dreifaltigkeitskirche und dem Gründerhaus, heute im Besitz von Sven Kurrat, dem Neffen von „Hoppy“ Kurrat, reichlich Originalschauplätze zu bewundern. Wer vor der Führung nicht von der Geschichte der Schwarz-Gelben fasziniert ist, ist es spätestens danach.

Der Stern verblasst

Postkarte des Borsigplatzes zur Gründerzeit des BVB. (Sammlung Gerd Dettmer)

Die alten Zeiten im Glanze des Hoesch-Stahls, als im Assauer-Lichtspielhaus noch die Western flimmerte und der Gastwirt August Lenz bekannte: „Niemals habe ich daran gedacht, die Bannmeile des Borsigplatzes zu verlassen“, sind passé. Heute befinden sich in den Jugendstilhäusern drei Friseure, zwei Wettbuden, ein Edeka-Laden, eine dunkel verriegelte Kneipe namens „Liberty“ und eine Reihe kleiner Geschäfte. Vielen Menschen, denen man in der Oesterholzstraße oder Wambeler Straße begegnet, steht die Armut ins Gesicht geschrieben. Bei einer Arbeitslosigkeit von über 30 Prozent sind die Straßenzüge rund um den Borsigplatz zum Armenhaus Dortmunds geworden.

Geschäftsinhaber Emad Taha

Viele Anwohner sind Flüchtlinge, aber hier auf der Straße scheint jeder auf der Flucht zu sein: Geschwindigkeit zählt auf der Fahrbahn als auch auf dem Bürgersteig. „Zu neunzig Prozent nehmen die Leute ihr Essen auf die Hand oder lassen es sich für zu Hause einpacken. An den Borsigplatz kommt niemand zum Flanieren“, erzählt Emad Taha, der seinen libanesischen Imbiss „Palmyra“ in der Oestermärsch betreibt. Ob er denn wüsste, welche historische Bedeutung dieser Platz hätte, frage ich ihn, und enthusiastisch erwidert er: „Natürlich! Das ist die Heimat des BVB.“ Für ihn selbst wurde der Fußballverein zum ersten Anknüpfungspunkt, als er 1996 aus Beirut nach Dortmund kam, und bis heute ist er „Borusse“ geblieben.

Auch wenn bei vielen Borsigplatzbewohnern Vereine wie „Fenerbahce“ oder „Galatasaray“ hoch im Kurs stehen, so verweisen sie doch mit großem Stolz auf den Ursprung der großen Borussia. „Rund um den Borsigplatz wohnen etwa 12.000 Menschen aus über neunzig Nationalitäten. Das Bekenntnis zum BVB ist für sie ganz wichtig, denn schließlich kann der Fußball auch Hoffnung machen und das ist ganz sicher das, was der Borsigplatz braucht. Unsere Hoffnung sollte schwarz-gelb sein“, betont Annette Kritzler.

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